Liturgiewesen 905
„Kalendariographie, oder Anleitung, alle Arten Kalender zu verfertigen" (1828);„Vorlesungen über Astronomie" (2 Bde., 1830); „Dioplrik, oder Anleitung zurVerfertigung von Fernröhren" (1830); „Gnomonik, oder Anleitung zur Verfer-tigung der Sonnenuhren" (1831); „Uber Lebensversicherungen und andere Ver-sorgungsanstalten" (1832); „Annalen der k. k. Sternwarte in Wien" (12 Bde,Fol., 1821 - 32).
Liturgiewesen. I. Liturgieveränderung. Die Liturgie oder dieForm der öffentlichen Gottesverehrung und der Verrichtung der pfarramtlichenHandlungen soll a) dem Liturgen das wesentliche Materials der Handlung und des-sen Aufeinanderfolge vorschreiben und die Form bestimmen, in welcher er handelnund sprechm soll; t>) für die Gemeinde aber soll sie die Thcilnahme an der Hand-lung regeln und die Gedanken und Gefühle in ihr erwecken, welche die Natur derHandlung fodert. Die Liturgie muß durch religiöse Würde der Form das Gemütherheben und zugleich die in der Gemeinde herrschenden religiösen Ansichten ausspre-chen. Veraltet daher die Form, oder andern sich die religiösen Ansichten der Ge-meinden, so muß auch die Liturgie verändert werden. Die römische Kirche gestat-i tet keine Veränderung in dem Dogma und in den Gebrauchen. Doch geschahen inneuerer Zeit in Deutschland Vorschlage zur Veränderung der katholischen Litur-gie (von Blau, Dorsch, Werkmeister, Winter, Busch, Batz u. A.), man sing inSchlesien und andern Orten an, den Gottesdienst nicht mehr in lateinischer, son-dern in deutscher Sprache zu halten, sowie der Pfarrer Chatel (s. d.) in Parisseit 1831 die Messe französisch hält. Auch dieJudcn singen an, ihren Gottesdienst(in Berlin, Weimar, Frankfurt, Dessau, Hamburg) in deutscher Sprache zu halten.In der evangelischen Kirche gab es nie eine allgemein geltende Liturgie, und Lutherwollte darin keinen Zwang gebraucht, sondern fortschreitendes Verbessern gestattet! wissen. Dennoch bildete sich durch Luther's Einfluß in Deutschland ein ziemlich^ gleichmaßiger Typus der Liturgie aus, wie dw alten Kirchenagenden bis zum 18.! Jahrhundert zeigen. In der Mitte des 18. Jahrhunderts aber begann die classischeBildung der deutschen Sprache und eine große Umwandlung in den Glaubensan-sichten, wodurch die alten Liturgien in Form und Dogma unpassend wurden. DieGeistlichen fanden daher ein Bedürfniß, die Liturgie zu verändern. Es erschieneneine Menge neuer Formulare für die einzelnen pfarramtlichcn Handlungen, sowolin liturgischen Magazinen (von Hermes, Fischer, Salzmann, Hufnagel, Pfaff,Pratje, Seiler, Wagnitz u. A.), als auch in besondern Schriften und Journalen derpraktischen Theologie. Zugleich erschienen mehre ganze Kirchenagenden im Geiste derneuern Zeit, theils von Privatpersonen, theils von öffentlichen Behörden. Manchekleine Feste, auch in manchen Landern die dritten Feiertage zu Ostern, Pfingsten,Weihnachten, wurden entweder abgeschafft oder auf die nächsten Sonntage verlegt.Die Consirmation, die in der Mitte deö 18. Jahrhunderts noch nicht überall üb-lich war, wurde allgemein eingeführt und von den Liturgen mit Vorliebe bear-beitet. In den preußischen Staaten wurde eine jährliche Feier der Siegestage beiLeipzig (18. Ott.), Paris (30. März) und Belle Alliance (18. Jun.), ingleicheneine Todcenfeier der im Jahre Verstorbenen am letzten Tage des Jahres (letztereauch im Altenburgischen) eingeführt. Auch mir der Theorie der Liturgie beschäf-tigte man sich, ohne daß man jedoch darin zu einem genügenden Resultat gelangte.Es fehlte indeß nicht an Vorschlägen aller Art theils in öffentlichen Blättern, theilsauch in besondern Schriften, wie von Spazier, Wolfrath, Cbristiani, Burdorf,Himmerlich, Thomasius, Jemsch, Neinhold, Spieß, Mohn, Breitenstein, Mül-ler, Fritsch, Block u. A. Unwillen erregte es, daß Horst in seiner „Mysteriosophie,oder über die Veredlung des protestantischen Gottesdienstes" (2 Theile, Frankfurta. M. 1817), wieder einen, die katholische Messe vertretenden Act eingeführt wissenwollte (den jedoch die preußische Agende in den Altargesängen wirklich realisi'rt hat),