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Liberalismus
Liberalismus, wenn er nicht ausgeartet ist, vorgebracht wird. Es ist ein un-geheures Misverständniß, wenn man sich durch den in einem so weiten Sinnegenommenen Ausdruck Revolution verführen laßt, zu glauben, daß hier voneinem Unternehmen die Rede sei, welches in den Bereich der richterlichen Ge-walt siele, oder der menschlichen Gewalt überhaupt, und welches man zu ver-hindern berechtigt oder im Stande wäre. Es ist der Strom der Zeiten selbst,welcher seine Wogen unaufhaltsam und ohne von Menschen geleitet oder gar ge-trieben zu werden, der Ewigkeit zurollt. Was die Menschen thun und sindschwimmt nur als Schaum auf der unendlichen Flut, und jedes Volk durchlaust,die Machthaber mögen rudern und steuern, wie sie wollen, endlich doch alle Statio-nen der Bildung auf der ihm bestimmten Bahn. Auch der Liberalismus tragtdazu nur ein Geringes bei, weil er selbst nur Frucht, aber nicht Ursache der großen,in der menschlichen Natur gegründeten Bewegung ist. Nur wenigen Sterblichenist es beschieden gewesen, als die Ersten in einer großen Entwickelungsperiode undzum Theil als die Urheber bezeichnet zu werden, und auch von ihnen ist es nichtleicht zu sagen, wieviel sie den Vorangegangenen verdanken; denn es gibt auchhier keine Lücke, keinen Sprung. Alles ist durch einander bedingt, Woge drangtsich an Woge; die Gedankenwirkung ist unendlich und aus kleinen Anfangen ent-wickelt sich ein immer Größeres. Wenn man aber unter Revolution ein gewaltsa-mes, ungesetzliches Eingreifen in die bestehenden Verhaltnisse und Staatsformenversteht, was der richtige Sinn dieses Wortes ist, so ist dies der Natur des wahrenLiberalismus geradezu widersprechend und ebenso thöricht, ebenso ungerecht als derVersuch, den Entwickelungsgang der Zeiten gewaltsam zurückzuhalten. In diesemSinne sind die Liberalen an sich nicht revolutionnair, sondem sie sehen ein, daßsie dem Bestehenden Treue schuldig sind, daß aber diese Treue hauptsächlich darinbesteht, die naturgemäße Fortbildung zu größerer Vollkommenheit fördern zu hel-fen. Der Vormund ist ebenso treulos, welcher den Pflegling in Unwissenheitund Kindheit erhalt, um im Genuß seines Vermögens zu bleiben, als der, wel-cher ihn tobtet, um ihn zu beerben. Die Liberalen sind an sich, wie bemerktwurde, keine Partei, sondern Gleichgesinnte; auch die Redlichen unter un-ter ihnen werden aber zuweilen genöthigt, sich enger an einander anzuschlie-ßen, wenn man sie anklagt und verfolgt. Es kommt dann auf die Bildungs-stufe des Volkes an, wie viel Anklang die Idee bereits in den Gemüthern ge-funden hat, ob der Liberalismus eine Macht sein sott oder nicht, und wie weit dieseMacht geht. Sie ging 1830 in Frankreich bis zur Anfrechthaltung der Charte ge-gen die königlichen Verordnungen vom Julius, bis zur Herstellung der Preßfrek-heit, bis zur Abschaffung der Erblichkeit der Pairswürde, aber nicht bis zur Re-publik.
Betrachten wir nun den Liberalismus der neuesten Zeit, so ist zuvörderstunverkennbar, daß er seit den letzten fünfzig Jahren seine Richtung vorzugsweiseauf das Staatslcben genommen hat, nachdem er eine geraume Zeit sich um dieGedankenfreiheit im Religiös, n bemüht hatte. Die Entstehungsgründe der öffent-lichen Gewalt und die Mittel, ihre Ausübung in gesetzlichen Schranken zu halten,kurz die Realisirung der Rechtsidee, mit Dem, was daraus folgt: Öffentlichkeit derStaatsverwaltung, Preßfreiheit, Verantwortlichkeit der Beamten für alle Regie-rungshandlungcn, Land- und Reichsstände mit ihren Attributen, Gleichheit vordem Gesetz, vorzüglich in Ansehung der gleichen Fähigkeit zu Staatsämtern, ist es,was die Völker immer mehr und mehr aufgeregt hat. Woher diese Aufregung ent-standen, braucht man in der That nicht lange zu fragen. Man richte nur einenernsten Blick auf die großen und zum Theil jetzt kaum glaublichen Misbräuche,welche noch vor fünfzig Jahren fast in allen Ländern von Europa stattfanden, aufdie grenzenlose Verschwendung der Höfe, die Schulden, welche die Folge davon
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