Liberalismus
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Witz, !
zeuge fremden Handelns ohne eignes Urtheil zu machen, sich zum blinden Ge-horsam, auch im Dienst der Ungerechtigkeit und Unsittlichkeit herzugeben. Aber esiji einerlei, ob man vor der absoluten Gewalt eines Fürsten oder vor der Unver-nunft eines leidenschaftlich bewegten Volkes die Knie beugt; ob man sich vor demStolze auf eine vermeintlich bessere Geburt oder vor dem goldenen Kalbe desgkichthums in den Staub wirft. Servil ist es, zu schmeicheln/Leidenschaften undVorurtheilen zu fröhnen; gleichviel aber, ob man in der Monarchie vor einemNero oder in der Demokratie vor einer Volksmenge kriecht, die man im Herzenvielleicht mit Recht verachtet. So ist das Servile und sein Gegensatz, der Libera-lismus, seinem Wesen nach an keine Staatsform gebunden und der Servilismusin der Aristokratie und Demokratie vielleicht erniedrigender als in der Monarchie.Liberalismus aber ist das Ringen nach den höhern Gütern der Menschheit, nach ei-ner Freiheit, die ihre Quelle wie ihren Kampfplatz vorzüglich im eignen Herzen undGeiste hat, nach einer Selbständigkeit, welche über jeden Zwang von Außen erha-ben ist. Dieser Liberalismus ist keine Partei, sondern eine Gesinnung; er verliertschon von seinem Werthe, wenn er die Gleichgesinnten zum verbündeten Handelnfür irgend einen zufalligen Zweck vereinigt. Liberale in diesem Sinne hat es zuallen Zeiten nur sehr Wenige gegeben; Viele von ihnen haben freudig ihr Lebenfür ihre Überzeugungen geopfert. Doch hat man auch wieder nicht unrecht,irenn man selbst diese Liberalen revolutionnair nennt; denn wenn ihre GesinnungWer einem Volke die herrschende werden sollte, so würde dadurch allein schon eineganzliche Veränderung aller öffentlichen Verhaltnisse herbeigeführt werden, und dieVerwaltung des Staats sich nicht zur Volksherrschaft oder Demokratie, fondernimmer mehr zur Republik, zum wahren Gemeinwesen umgestalten müssen. Eineselche Republik kann wol'ihr erbliches Oberhaupt haben, das gehört nicht zu denGrundlagen derselben; ihr Wesen besteht vielmehr darin, daß das Ganze des Vol-kes einen recht eigentlichen Organismus bilde, in welchem Jeder, auch der Ge-ringste, sich stets als Glied des Ganzen fühlt, seine Zwecke im Ganzen gefördertlieht, sich seines Wirkens für die Gesammtheit und der Sorge der Gesammtheitfür den Einzelnen deutlich und lebendig bewußt wird. Erblicher Unterschied derStände^ getheiltes Interesse des Volkes, eine dienst- und steuerpflichtige Masse (Ingent tMasile et corveable), ein zum Herrschen berufener Adel, wird in einemsolchen Gemeinwesen freilich nicht möglich sein, dagegen Gleichheit vor dem Gesetz,Öffentlichkeit und Preßfreiheit sich von selbst einstellen. Indem nun der Liberalis-mus ein solches Ziel vor Augen hat, ist er revolutionnair, aber er ist dabei auch inseinem vollkommenen Recht; denn nicht in dem Verandern eines bestimmten Au-slandes des Staats liegt das Unrecht, sondern in den Mitteln, welche zu diesemBoecke gebraucht werden, und wenn diese Mittel rechtmäßig sind, so kann nichtsaus die Folgen ankommen, welche der Handelnde davon erwartet. Niemand ist es»och eingefallen, die Bemühungen für den Unterricht des Volkes, für Erweiterungder menschlichen Kenntnisse, für die Erziehung der werdenden Geschlechter zur Re-gion und Tugend für etwas Unrechtmäßiges zu erklären, und gleichwol kann ineinem Volke keine größere Revolution hervorgebracht werden, als wenn jene Bemü-hungen in einem bedeutenden Umfange gelingen. Die Stifter und Verbreiter einerMinigtern Religion sind in dieser Hinsicht ebenso revolutionnair gewesen Äs die Li-beralen, und eigentlich waren sie selbst nur Liberale in der höchsten und reinsten Be-ttung. Keine Revolution ist an Umfang, Dauer und innerer Starke derjenigen^vergleichen, welche durch das Christenthum unter einem so großen Theile derMmschm bewirkt worden ist und noch taglich weiter fortgeführt wird. Sie er-weist die Elementarverhaltnisse der Völker, die Familie, und verbreitet sich^n da aus über das ganze öffentliche Leben. Was die weltliche Macht ge-öm die ersten Christengemeinden sagte, ist ganz Dasselbe, was jetzt gegen den