87s Liberalismus
de und Bestimmung der Menschen verkennend und verleugnend, um zeitlicherVortheile und sinnlicher Genüsse willen feiner Freiheit im Denken und Handelnentsagt, sondern auch Der, welcher in völliger äußerlicher Unabhängigkeit seiner eiqnen Sinnlichkeit zum Sklaven verfallen ist. Illiberal ist Derjenige, welcher keinhöheres Ziel der menschlichen Thätigkeit kennt als das thierischc Leben und allen-falls die Verfeinerung desselben durch allerlei Reizmittel und Bequemlichkeiten, so-wie Derjenige, welchem für die geistigen Güter eines Volkes jedes kleine Opfer zugroß ist. Daher ist es aber auch nicht selten, daß Liberalismus der einen Art mitder größten Jlliberalität in einer andern Hinsicht verbunden wird, wie wir ein leb-haftes Gefühl für bürgerliche Freiheit mit dem schändlichsten Egoismus und derschreiendsten Unterdrückung Anderer vereinigt sehen. Derselbe Engländer, welcher
für die Freiheit der Griechen declamirte, war im Stande, sie bei den Anleihen zu
betrügen, und Viele bezeigten die größte Theilnahme an dem Schicksal der polni-schen Nation, welche die viel größere Ungerechtigkeit gegen das irländische Volk ausallen Kräften vertheidigen. Im Namen der Freiheit kämpfen die englischen Pflanzerder westindischen Inseln für Aufrechthaltung der Sklaverei und gegen jede Erleichte-rung, welche die Gesetzgebung des Hauptlandes den armen Negern zu verschaffen 7- ^ ^ >sucht. Wer aber liberal sein will, muß es nicht bloß für sich und nach oben, sondern ^auch gegen Andere und die unter ihm Stehenden sein. So haben wir ferner gesehen, WOWN Sdaß dieselben Landstände mit Eifer um Preßfreiheit und Öffentlichkeit bemüht waren,welche daneben jede kleine Anfoderung zum Besten der Schulen und Unterrichts- »mMWianstalten fast mit Widerwillen zurückwiesen. Seit länger als einem Jahrhundertwar die politische Unabhängigkeit und Nationalität der Polen von Innen und Au-Jen bedroht, aber in dieser langen Zeit haben sie keinen ernstlichen Schritt zurEmancipation ihrer Bauern aus der tiefsten Erniedrigung und Verwilderung ge-than, obgleich sie seit 1806 dazu nicht bloß Veranlassung, sondern auch Machtund Gelegenheit hatten, und sie aus der Geschichte aller Völker hatten lernen sollen, mdaß Adel und Grundherren allein nicht die Nation sind und dem Andränge mach- j?,tiger Eroberer keinen Widerstand entgegensetzen können. Die Greuel, welche un-ter dem Vorwande der Freiheit in Frankreich verübt wurden, sind noch in frischerErinnerung; die öffentliche Gewalt war zu keiner Zeit illiberaler, das Volk nieserviler, als da Freiheit und Gleichheit das Feldgeschrei war. Katharina II. undJoseph II. schafften, um von den französischen Philosophen gepriesen zu werden,die einfache Todesstrafe ab, aber verstümmelnde Strafen, Sibirien, die Knute, das .Schiffsziehen in Ungarn waren illiberaler und eine viel grausamere Hinrichtungals durch das Schwert oder den Strang, weil sie erst alles Gefühl menschlicherWürde in dem Bestrasten vernichteten und den Verurtheilten unter körperlicher undgeistiger Marter einem gewissen baldigen Tode entgegenführtcn. Alles Servile^ ist ^schlecht und verächtlich; aber nur das Innere, das Servile der Gesinnung, nichtdas Verrichten solcher Arbeiten, welche eine wissenschaftliche Ausbildung nicht vor-aussetzen, und es ist selbst die größte Jlliberalität, einen Unterschied welcher sichnur auf das Zufallige der Beschäftigung' bezieht — zwischen Diensten von wis-
senschaftlicher und künstlerischer Art, operae liberales, und Dienste, wozu bloß
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physische Kraft und Fertigkeit erfodert wird, operae serviles — auf das Mora-
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tische und die Schätzung der wahren Ehre überzutragen. Illiberal ist es, Freiheitund Dienst einander gegenüberzustellen und die höhere Würde in dem Nichtdienen ^zu suchen. Dienen ist arbeiten für einen Zweck, welcher sich nicht auf die Person ^des Arbeitenden bezieht; der höchste Dienst ist der für eine Idee, der Dienst fürRecht und Wahrheit. In diesem wird man von Niemand persönlich abhängig ^und dient nicht irgend einem Menschen, sondern der Menschheit, dem Göttlichen. ^In diesem Sinne ist der Fürst der erste Diener des Staats, aber nicht des Vol-kes; ebenso der Staatsdiener unter dem Fürsten. Servil ist es, sich zum Werk-