866 Leopold (König der Belgier)
Zwar hatte der Congreß gleichzeitig gegen das Protokoll vom 50. Jan., in Be-treff der Grenzen Belgiens protestirt; allein die londoner Conferen; erklärtedurch das Memorandum vom 29. Mai (am ü. Zun.), daß weder Prinz L.noch irgend ein anderer Prinz die belgische Krone annehmen werde, wenn Bel-gien nicht zuvor die Protokolle, namentlich das 26., angenommen habe. DiesesProtokoll, das am 26. Inn. zu Stande gekommen war, bestimmte in 18 Arti-keln unter Anderm, daß die Grenzen Hollands das ganze Gebiet, alle Platze,
Städte und Örler umschließen werden, die der ehemaligen Republik der Vereinig-ten Staaten 1790 angehörten. Die luxemburgische Frage, die Souverainctatvon Maestricht, die gegenseitigen Austanschungen der Gcbietsantheile, die Anwen-dung der Bestimmungen der allgemeinen Schlußakte des wiener Congresses (Art.108 bis mit 116) hinsichtlich der freien Schiffahrt auf denjenigen Flüssen,welche das hollandische und belgische Gebiet durchschneiden, die gemeinschaftlicheBenutzung der Canäle von Gent nach Tcrneuse und von Juid-Willemswaart, unddie Schuldeneintheilung sollten unter Vermittlung der fünf Machte durch einespatere Übereinkunft entschieden und geordnet werden. Der 9. Artikel dieses Pro-tokolls bestimmte die ewige, von den fünf Machten garantirte Neutralitat Bel-giens. Wenn diese zum Theil noch in ihrer Ausführung naher zu bestimmendenArtikel gegenseitig — von Holland und Belgien — angenommen waren, solltensie in einen definitiven Tractat verwandelt werden. In der Voraussetzung nun,daß diese Grundlagen eines völkerrechtlichen Vertrags zwischen Holland und Bel-gien vom belgischen Congresse anerkannt werden würden, empfing der Prinz vonSachsen Kodurg am 26. Zun. Abends zwischen 9 und 10 Uhr in Marlborouzh-House die belgische Deputation, welche ihm jetzt die feierliche Wahlacte vom4. Jun. überreichte. Auf die Anrede des Präsidenten der Deputation erwidert?der Prinz: „Da- Gelöbniß, dessen Dolmetscher zu sein der belgische CongreßSie bestimmt hat, ist mir e fteulich. Dieses Zeichen von Vertrauen ist mirum so schmeichelhafter, als ich mich nicht darum beworben habe. MenschlicheBestimmungen bieten keinen edlern und nützlichem Auftrag dar, als denjeni-gen, berufen zu sein, die Unabhängigkeit einer Nation aufrecht zu erhalten undihre Freiheit zu befestigen. Nur ein Beruf von so hoher Wichtigkeit kann alleinmich bestimmen, meine unabhängige Lage zu verlassen und mich von einem Landezu trennen, an welches ich durch die heiligsten Bande und Erinnerungen ge-knüpft war, und welches mir so viele Beweise seiner Einstimmung mit mir ge-geben hat. Ich nehme also das Erbieten, welches Sie mir machen, an, wohlver-standen, daß es die Sache des Congresses, der Repräsentanten der Nation ist, die-jenigen Maßregeln zu ergreifen, welche allein den neuen Staat constituiren und soihm die Anerkennung der europäischen Staaten versichern können. Nur so kannder Congreß mich in den Stand setzen, dem Besten Belgkens mich ganz zu widmenund dessen Wohl und Gedeihen Verbindungen mit Ländern zu opfern, derenFreundschaft Belgien nothwendig ist; ich werde, soweit die Mitwirkung von mirabhängt, für Belgiens unabhängige Existenz sorgen." Mit dieser Erklärung,mit jenem Protokolle, mit den Antwortschreiben des Prinzen an den Regenten,an den Bürgermeister und Rath der Stadt Brüssel und mit einem Schreiben derlondoner Conftrenz an Lebeau, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, kehrte ^die Deputation nach Brüssel znrück. Es galt jetzt die Annahme der Paeisications- <grundlage, oder eine Theilung Belgiens war zu befürchten. Endlich erfolgte, nach D ^stürmischen Debatten (s. Belgien) die von Seyck beantragte Annahme der18 Artikel, n lche Lebeau's Rede am 5. Jul. wirksam unterstützte, am 9. Jul. ^durch 126 Stimmen von 196 anwesenden Mitgliedern des Congresses. Eine ausLebeau, F. de Merode, F. d'Hoogvorst, Meulenaere und Firussu bestehendeDeputation des Congresses überbrachte den Beschluß dem Prinzen nach London,