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Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
863
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Leopold (König der Belgier) L63

auf die Person des Fürsten geworfen, verfuhr jetzt in entgegengefetzter Richtung, so-daß in allen Provinzen Untersuchungen und Proteste über Majestatsverbrechen indeklagenswerther Menge zum Vorschein kamen. Zum Theil lag die Schuld dieserErscheinung auch daran, daß in dem jungen constitutionnellen Leben die Lehre vonder Unverletzlichkeit des Regenten noch nicht genug in Saft und Blut übergegangenwar, auch in der noch nicht ausgebildeten Gesetzgebung über Verantwortlichkeit derMinister das erfoderliche Gegengewicht fehlte. Im Allgemeinen kann man wolsagen, daß diese Verhaltniste noch nicht spruchreif liegen für das Urtheil der Ge-schichte, auch nicht in Bezug auf die persönliche Berührung L.'s, von dem manübrigens aus psychologischen Gründen wohl voraussetzen kann, es habe seinemHerzen ein Opfer gekostet, zurückzunehmen, was er aus freier Überzeugung selbsteingesetzt. Es ist ein eigner Anblick um das Bild dieser kurzen Regierungszeit,welche an Stoff und Handlung so reich ist als an seltsamen Contrasten, und viel-leicht am besten erklart wird, wenn man als letztes Motiv die stereotype Verlegen-heit der Regierung annimmt, einem übermachtigen Einfluß gegenüber keinen An-stoß zum Misfallen zu geben. So sah sich L, in seinem öffentlichen Leben in Verhälr-nisse verwickelt, denen er nicht gewachsen war, und einer Gewalt der Umstände hinge-geben, welche sich mit Herzensgüte und Gemüthlichkeit nicht überwinden ließ. Überbas ganze Charakterbild wird erst eine spatere Zeit sich ein Urtheil bilden können, dennwieder Spruch jenes alten Weisen sagt: iXemo unte mortem beatus, so ist auchNiemand aus den noch so vielfachem Wechsel unterworfenen Resultaten seinesübms zu beurtheilen, als bis dasselbe zu einem abgeschlossenen Ganzen gewor-ben ist. (22)

Leopold (Georg Christian Friedrich), König der Belgier, geboren zuNurg den 16. Dec. 1790, ist der jüngste Bruder des regierenden Herzogsl nst von Sachsen-Koburg-Gotha und der verwitweten Herzogin von Kent,da Mutter der Thronerbin des britischen Reichs. Dieser Fürst, den die gerechteAchtung Europas auf mehr als einen Thron berief, hat seine durch die sorgsamligste Erziehung glücklich ausgebildeten Talente, seinen Muth, seine Thatigkeitund seinen Charakter in vielfachen und schwierigen Verhaltnissen so bewahrt, daßihm die Geschichte einst den Beinamen des Würdigen nicht versagen wird. Alsbie Vermahlung seiner Schweftex Julie, nachher Anna Feodorowna, mit demGroßfürsten Konstantin 1796 das sachsen-koburgische Haus mit Rußland ver-band, wurde Prinz Leopold als General im russifchen Heere angestellt. NapoleonsDrohungen und die Stellung seines Stammhauses im Rheinbunde bewogen ihn,dieses Dienstverhaltniß, in welchem er sich die Achtung des russischen Kaiserhausesworden hatte, 1810 aufzugeben. Er widmete sich von jetzt an den Angelegen-heiten seines Hauses, den Künsten und Wissenschaften, unterhandelte und schloßidll zu München einen Grenzvertrag mit Vaiern und machte 1812 eine Reisehach Wien, Italien und die Schweiz. Als Deutschland 1813 seiner Be-sreiung von Frankreichs Joche entgegensehen konnte, begab sich sein Bruder, decgierende Herzog, nach Berlin, L. aber nach Wien und München. Von hier gingsum Febr. nach Polen zu dem Kaiser Alexander und blieb nun bei dem russischenHeere bis zur Einnahme von Paris. In diesem Feldzuge bewies Prinz L. ebenso^el Feldherrntalent als persönliche Tapferkeit. Dann begleitete er die Monarchen"stch England und war in der Folge bei dem Congresse in Wien anwesend. Vonhier begab er sich nach Napoleons Rückkehr von Elba zur Rheinarmee, hielt sich""t Zeitlang in Paris aus und reiste sodann über Koburg nach Berlin. Von hier^nach London zu kommen eingeladen, ging er einer hohen Bestimmung ent-Die Thronerbin, die Prinzessin Charlotte (s. Bd. 2) liebte ihn, und16. Mar; 1816 zeigte eine Botschaft des Prinzen-Regenten beiden Parla-"mtshäusern die nahe Verbindung seiner Tochter an. Einstimmig ging die Bill