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Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
782
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782 Kurhessen

Am 2. Sept. 1830 versammelten sich auf die Einladung Herbold's, des Gilde-meifters derKüperzunft, welcher durch die Zerstörung der Habich schen Fabrik seinenHauptnahrungszweig verloren hatte, die Bürger, mit Ausnahme weniger, die durchdie Behörden sich hatten abhalten lassen, indem Gasthause zum Stadtbau, woin aller Ordnung über die Beseitigung vieler Zunftgebrechen, die Abhülfe derNoth des gewerbtreibenden Standes, die Zurückkunft der Kurfürstin u. s. w.berathen und auf den Antrag des Obergerichtsanwalts Hahn beschlossen wurdedaß jede einzelne Zunft demselben ihre Beschwerden schriftlich mittheilen und zurEntwerfung eines dem Kurfürsten zwei Tage nach seiner Zurückkunft zu überrei-chenden Gesuches um Zusammenberufung der Stande Auftrag ercheilen solle. Zubedauern war der Verweis, welchen Herbold erhielt, und der öffentlich? Tadel desgefaßten Beschlusses, woran der beabsichtigte Plan beinahe gescheitert wäre; dennmit Ausnahme der Instructionen der Schlosser und Goldschmiede enthieltendie aller übrigen Gilden den verabredeten Auftrag nicht. Die Aufregung er-hielt nun eine schlimmere Richtung, und am 6. Sept. Abends nahm sie inder Niedern Volksclasse einen wilden Charakter an. Der Streit zwischen ei-nem Backer und einer Soldatenfrau gab die Veranlassung eines Zusammen-laufs; binnen wenigen Minuten war der Laden des Backers zerstört, und bevordas Militair zu Hülfe eilen konnte, waren binnen einer Stunde in allen Theilender Stadt ahnliche Zerstörungen an Backerläden vorgenommen worden. Aus dengrößtentheils mit Äxten bewaffneten Haufen hörte man die Stimme:Morgengeht es an die Metzger- und Kaufmannsladen". Auch bemerkte man Soldatenunter ihnen, welche bei jedem Steinwurf schrien :Fürs Vaterland!" Dieser Tu-mult, welcher seit der Regierung Heinrichs des Kindes in solcher Art in Kassel zumersten Male sich ereignet hatte, weckte die Schlafer, deutete auf die Nothwendig-keit der Bürgerbewassnung und machte die Grasin Lessonitz auf die ihr in Kasseldrohende Gefahr aufmerksam. Am ?. Sept. versammelte sich der Stadtrath ausdem Gemeindehause, unterstützte bei dem Ministerium, welches damals ein Inter-regnum zu führen genöthigt war, die von den Bürgern verlangte Bewaffnung undtheilte an demselben Tage 300 Gewehre aus, wodurch das Signal zur Organisa-tion einer Bürgergarde gegeben wurde, welche nicht allein den beabsichtigten Zweck,die Ausbrüche roher Volkswuth zu unterdrücken, vollständig erreichte, sondernauch den'Plan, ohne Blutvergießen und gesetzwidriges Unternehmen auf dem Wegeder Reform durch beharrliche Benutzung vereinigter Kraft der Verstandigen ein bes-seres Staatsleben herbeizuführen, seh. beförderte. Das Gelingen dieses, unterFreunden im Stillen berathenen Planes, welcher auf der einen Seite mit rohenLeidenschaften und auf der andern mit der Ängstlichkeit des Spießbürgerthums undder Furcht vor der Gefahr des Mislingens zu kämpfen hatte, ist der verständigenMehrzahl der Bürger Kassels zu verdanken. Die berittene Ehrcngarde sowol alsdie öffentlichen Versammlungen unterblieben, und planmäßig herrschte die tiefsteRuhe bei der am 12. Sept. erfolgten Ankunft des Kurfürsten und Kurprinzen inKassel; die Grasin Lessonitz aber, welcher die gegen sie herrschende Aufregung nichtverhehlt werden durfte, blieb in Eisenach zurück. Gleichzeitig sammelten 30 Bür-ger 1400 Unterschriften zu dem verabredete« Gesuche um Versammlung der Land-stande, welches ihrer 60 am 14. Sept. 1830 dem auf dem Gemeindehanse ver-sammelten Stadtrathe mit der Bitte übergaben, der Sache des Vaterlandes sichannehmen zu wollen. Der Stadtrath, an dessen Spitze der BürgermeisterSchomburg stand, verfügte sich am nämlichen Tage in Gesammtheit nach demSchlosse Wilhelmshöhe, wurde aber mit der Zusicherung, daß sich der Kurfürst den. Sept. Morgens 10 Uhr in seinem Palais in Kassel werde sprechen lassen, vonder Schwelle der Thüre zurückgewiesen. Diese Zurücksetzung vermehrte die Aufre-gung abermals in so hohem Grade, daß es der kraftigsten Anstrengung aller Pa-