Kurhessen
Ausdruck eines in dem Drohbriefe oder den ihm nachgefolgten anonymen Schrif-ten (beruhigenven Inhalts oder andern Ursprungs) enthaltenen Gedankens führteZurücksetzungen, Verfolgungen und Verhaftungen herbei, unter andern die des ge-heimen Cabinetsarchivars Müller und des als politischer Schriftsteller bekanntenHofraths Murhard; auch starb als Opfer dieser Untersuchung der Artillerielieute-nant Robert in Geisteszerrüttung. Nachdem man sich endlich von der Unschuldaller bisher Verhafteten überzeugt hatte, begann eine strenge Untersuchung gegenden Oberpolizeidirector von Mangcr und andere bei der Oberpolizeidirection ange-stellte Beamten. Inzwischen verschlossen Gendarmeriegarden und strenge Vor-sichtsmaßregeln fortwahrend das Ohr des Fürsten den Unterthanen, den Freundendes Thrones, der Stimme der Wahrheit, verscheuchten die noch übrigen Fremdenund unabhängigen Reichen, endlich im Mai 182V sogar die Kurfürstin, welchestets den Besitz ungetheilter Volksliebe sich bewahrt hatte, und den Kurprinzen imSept. desselben Jahres. Immer bedenklicher wurde dadurch der Zustand der ge-werbtreibenden Einwohner Kassels; den noch beschäftigten Bauhandwerkern wardie Rechtshülfe gegen die Willkür der Hofbaubeamten durch eine Verordnung ent-zogen, und das Obergericht in Kassel einst auf 24 Stunden förmlich suspendierworden, weil es gegen einen gewaltsamen Eingriff der Kriegsverwaltung Inhibi-tion erkannt hatte. Auffallender aber, weil sie vor den Augen des Volkes geschah,war die, ohne vorangegangene Entschädigung durch Militairgewalt vollführte Nie-derreißung der den Brüdern Habich in Kassel verpachteten Gebäude, in welcheneine der nützlichsten Fabriken betrieben wurde, welche Kurhessen besitzt; auch dagegen wollten die Gerichte nicht schützen, weil der Staatszweck und ein allerhöchsterBefehl vorgeschützt worden war. So wurde immer mehr die Herrschast der Gesetzeund selbst die Landesverfassung, wie sie vor dem Jahre 180V bestanden hatte,durch Ordonnanzen geschmälert, Verbrauchs-, Eingangs- und Stempelsteuer ohneEinwilligung der Stände willkürlich erhöht, keine Rechenschaft über den StaatsHaushalt gegeben, und das verarmte Volk seufzte unter dem Drucke unerschwingli-cher Abgaben; dennoch beharrte es in seiner Düldwilligkeit, selbst die Nachricht vonden Juliustagen sah man spurlos vorübergehen, obgleich der Kurfürst gerade damalsmit der Gräsin Reichenbach, welche jetzt den Namen Lessonitz, nach einer in Mäh-ren angekauften Herrschaft, führte, auf einer Reise nach Karlsbad abwesend war.Ein Gerücht aber, daß diese Reise durch Vorspiegelung einer Krankheit von derGrasin wäre veranlaßt worden, daß sie den Kurfürsten beredet, nach Wien zu rei-sen, um sie in den Fürstenstand erheben zu lassen, und die erste Nachricht von derschweren Krankheit des Kurfürsten, welche durch plötzliche, bei nächtlicher Durch-reise ihres zum Baron (von Rosenfeld), Oberforftmeister und Oberpostdirector er^hobenen Bruders bewirkte Fortschassung ihrer Kinder verbreitet wurde, die Zurück-kunft des Leibarztes, welcher auf die Nachricht von der Krankheit des Kurfür-sten nach Karlsbad geeilt war, mit dem Berichte, von den Umgebungen des Für-sten nicht vorgelassen worden zu sein, und noch schlimmere, absichtlich verbreiteteGerüchte entzündeten den Volkshaß gegen die Grasin Lessonitz, und die Rauchwol-ken des langst schon über das ganze Land verbreiteten Vulkans verkündeten dennaben Ausbruch der Flamme. Eine ebenso beunruhigende als unbefriedigendeMittheilung, welche das Staatsministerium von dem geheimen Cabinetsrath Ri-vallier von Meysenbug spater erhielt, veranlaßt? den Magistrat der Stadt Kasseleine Deputation nach Karlsbad abzusenden, die, gnädig von dem Kurfürsten auf-genommen, von der Wiedergenesunq, baldiger Zurückkunft und Versöhnung des-selben mit dem Kurprinzen Nachricht brachte. Alsbald bildete sich eine beritteneEhrengarde zum Empfang des Fürsten, welche aber durch ihr Unternehmen zuSpottgedichten auf die Gräsin Lessonitz und deren Freunde und zu lauten Äuße-rungen gegen die Zurückkunft derselben nach Kassel Veranlassung gab.