644 Kapodistrias (Familie)
darauf unter den Deputaten mit aufgeführt. *) In diesem Zustande eröffneteGraf Augustin K. die Nationalversammlung am 19. Dec. in der Schule des wech-selseitigen Unterrichts zu Argos. Seine Eröffnungsrede, worin er sich „den Scho-ren seines Bruders unter dem Schutze des Heilandes" nannte, gab eine oberfläch-liche Rechenschaft von den Grundsätzen und der Verwaltung der Regierungscom-mission, die sich beeile die ihr interimistisch anvertraute Gewalt der Nationalver-sammlung zurückzugeben. Sogleich in der zweiten Sitzung, am 20. Dec., wardhierauf der Vorschlag gemacht, Graf Augustin K. zum provisorischen Präsidentenvon Griechenland, jedoch mit Vorbehalt der Einschränkungen, welche die zu ent-werfende Verfassung näher bestimmen werde, zu erwählen. Der Vorschlag wardohne Widerspruch und in größter Eile durchgesetzt. Gleich darauf erließ die Natio-nalversammlung, in welcher der altersschwache D. Zamados den Vorsitz fübrte,eine Proklamation an alle Hellenen, worin sie vorläufig die Hauptpunkte ihrerBerathungen angab, und alle Bürger zu Ruhe und Gehorsam gegen die Be-hörden, die Beamten und Militairpersonen zu Zucht, Unterwürfigkeit und kräf-tiger Unterstützung der Regierung ermahnte. („Allgemeine Zeitung", 1832,Nr. 42B.) Jene Hauptpunkte waren: 1) Abfassung einer Constitution-, 2) eineAdresse an die vermittelnden Mächte wegen baldiger Entscheidung der griechischenAngelegenheiten; 3) Regulirung der Justiz, der Finanzen und der übrigen Zweigeder Staatsverwaltung; 4) Entschädigung der Truppen und der Marine, sowieFestsetzung ihrer Rechte und Ansprüche für die Zukunft; 5) Vertheilung der Na-tionalgüter; 6) Bestimmung der Gewalt und der Rechte der provisorischen Regie-rung; und 7) Ernennung einer Commission, welche die Handlungen der Regie-rung, der Minister, der Provinzialgouverncure und überhaupt aller Staatsbeam-ten zu prüfen und zu beurthcilen habe.
Gleichzeitig hatten die Rumelioten, durch die Verwerfung ihrer Vorschlägevon der Theilnahms an der Nationalversammlung ausgeschlossen, sich wechsels-weise bei Panutzo Notaras, Grivas und Kolettis versammelt, sich förmlich con-stituirt, Panutzo zu ihrem Präsidenten sowie einen Secretair erwählt und ihreSitzungen wirklich mit der Verwahrung gegen alle Verhandlungen der Andern be-gonnen, ja sogar vorläufig eine neue Regierungscommission in Kolettis, Aaimisund Ppsi'lantis ernannt. Solche Schritte trieben die Spannung aufs Höchste, zu-mal da man auf beiden Seiten über eine bewaffnete Macht gebieten konnte, mitwelcher man im Nothfalle seiner Sache den Sieg zu verschassen gedachte. DieBegleitung der Rumelioten zählte zwar nur etwa 400 Mann und konnte sich da-her kaum mit den Truppen der Regierung messen; allein diese waren nichts weni-ger als treu, und in der That begaben sich, noch ehe es zu Tätlichkeiten kam,ganze Scharen von dem Heere unter Kolokotronis auf die Seite der Rumelioten.Dies brachte die Sache zur Entscheidung. In einer Versammlung der Häupterder Regierungspartei, am Abend des 20. Dec., erklärte Kolokotronis, längerer Auf-schub werde ihre ganze Sache in Gefahr bringen, da man nicht mehr auf die Treueder Truppen rechnen könne; es sei daher Zeit, die Gegner durch einen unerwarte-ten Angriff zu Boden zu schlagen, die Truppen dagegen durch Sieg aufs Neue andie Interessen der Regierung zu knüpfen. Der Vorschlag fand allgemeinen Bei-fall, und schon am folgenden Morgen wurden die Truppen der Regierung vonNauplia aus durch ein Bataillon Fußvolk, einige Geschütze und einen ziemlichenVorrath an Munition verstärkt. Zugleich bekam der Nationalcongreß die Wei-sung, sich von Argos nach Nauplia zu begeben, da man in einer offenen Stadt,und mitten unter einer bewaffneten Opposition schwerlich auf die zu den Berathun-
*) Selbst die Truppen des Kolckotronis sollen durch zwei Abgeordnete, ^nenvon der Infanterie und einen von der Cavaleric reprasentirt worden sein. (Schrei-ben aus Arges in der „Allgemeinen Zeitung", 1332, Nr. 1 außerord. Beit.)