Druckschrift 
Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
642
Einzelbild herunterladen
 

642 Kapodistrias (Familie)

künden und eine Commission ernennen solle, welche der londoner Conferenz dieLage und Bedürfnisse des Landes auseinandersetzen möge, wurden nach einigenerfolglosen Unterhandlungen von der Regierung nicht weiter beachtet, da sie beidem zu eröffnenden Congreß zu Argos eine Majorität zu besitzen glaubte, welcheder Opposition von Hydra wol die Spitze bieten könne. Atterdings hatten die An-hänger ihres Systems in den Provinzen keines jener Gewaltmittel, wodurch schonK. sich die Majorität zu erzwingen gehofft hatte, unversucht gelassen, um eine ent-schiedene Mehrheit der Stimmen für die Vorschläge und Plane der Regierungvom 9. Oct. zu gewinnen. Zu diesem Zwecke hatten B. Gras Metaxas undOberst Rongos an der Spitze von 500 Mann Livadien durchzogen, überall diefreien Wahlen zu hintertreiben gesucht, und, im Fall des Widerstandes, den be-stürzten Wahlern die vermeinte Allgewalt der Negierung gezeigt. Als selbst durchdiese Gewaltmittel der Zweck nicht erreicht werden konnte, sondern die meistenEparchien dennoch Abgeordnete nach ihrem Sinne gewählt hatten, so wurde vonden der Negierung ergebenen Provinzialgouverneurs die alles Recht und alle Würdeverletzende Unverschämtheit so weit getrieben, daß sie den mir bedeutmder Majori-tät gewählten Dcputirtendie Anerkennung ihrer Vollmachten, welche ihnen ein frü-heres Gesetz des Präsidenten zugestanden hatte, versagten, um sie denen zu ge-währen, welche ungeachtet aller Anstrengungen doch nur mit einer sehr unbedeu-tenden Minorität waren gewählt worden; ja sie sollen geradezu Wahlen singittund einzelnen Leuten ihrer Partei statt aller Vollmachten bloße Zeugnisse aus-gestellt haben, die Ihnen den Zutritt zur Nationalversammlung sichern sollten..Doppelwahlen in vielen Provinzen waren hiervon die unvermeidliche Folge, unddie Bildung der Majorität hing allein von der Anerkennung der Vollmachten ab.Um daher ihre Gegner gleichsam noch vor dem Kampfe zu schlagen, beschloß dieRegierung, allen Abgeordneten, ohne Bestätigung der Gouverneurs, geradezuden Zutritt nach Argos zu versagen, oder diejenigen, welche dennoch dort Einganggefunden hätten, zur Prüfung der Vollmachten gar nicht zuzulassen. Zum Theilgelang der Plan. Mehre jener Abgeordneten wurden noch unterwegs zur Heim-kehr genöthigt, einige sogleich bei ihrer Ankunft nach den Staatsgefängnissen zuNauplia in gefängliche Haft gebracht, und die 60 Abgeordneten der Inseln aufHydra, die sich unter den oben angegebenen Bedingungen zur Theilnahme be-reit erklärt hatten, gänzlich aus dem Spiele gelassen. Man konnte sich jedoch aufdiese Weise auch nur des kleinern Theils entledigen, und so wurde bereits am8. Nov. im Senate der Antrag gemacht, eine Senatscommission zur Prüfungder eingereichten Vollmachten niederzusetzen, damit die Regierung über die Gül-tigkeit der Wahlen Sicherheit erlange. Schon hier zeigte sich offenbarer Zwiespaltin Gesinnungen und Ansichten der Senatoren, und einer der freisinnigsten undgebildetsten, Tazzi Manghina, erklärte ohne Weiteres: da die meisten Wahlen dasWerk der Gewalt, der Stockschläge, der Bayonette und der Einkerkerung seien, sowerde eine Versammlung dieser Art vom Volke nie als Nationalversammlung,sondern als cm Verein von Abgeordneten der Regierung betrachtet werden, undman gehe mit ihr einem Zustande entgegen, in welchem das Volk ihren Beschlüssendas Ansehen der Gesetze und somit den obersten Behörden den Gehorsam zu ver-weigern gezwungen werde. Dennoch ging der Antrag durch; unter Metaxas',Perukka's und Kolokotronis' Leitung ward die Commission erwählt, welche danndas Geschäft der Prüfung einem Ausschusse aus den bereits in Argos angekom-menen und von der Regierung anerkannten Deputirten mit unbeschrankter Voll-macht übergab.

So standen die Sachen, als am 8. und 9. Nov. die in Westgriechenland zuAbgeordneten frei erwählten Rumeliotenhauptlinge an der Spitze einer zahlreichenGarde ihren feierlichen Einzug zu Argos hielten. Unter ihnen befanden sich viele