Kapodistrias (Familie) 637
HM er schon in den ersten Monaten seiner Verwaltung ganzlich verscherzt. ÜberallhM man die bittersten Klagen über unzweckmäßige und selbst treulose Verwen-dung der, zum Unterhalt der seit vielen Monaten unbesoldeten Truppen bestimmtenGelder, und bei mehren Truppencorps brach deshalb der allgemeine Unwille inoffene Meuterei aus, wie z. B. in dem Lager zwischen Megara und Eleusis zurZeit der Nationalversammlung zuArgos, und in dem Hauptquartier auf Kolouriim Dec. desselben Jahres. Erst nachdem man durch schleunige Soldzahlungenselchen Auftritten für die Zukunft vorgebeugt hatte, zeigte sich unter den Truppenetwas mehr Empfänglichkeit für die neue Organisation, deren oberste Leitung auchim folgenden Jahre dem Grafen Augustin anvertraut blieb, obgleich DemetriosYpsilantis, aus Unwillen über A.'s Ungeschicklichkeit, am 1. Jan. 1830 seine Ab-dankung definitiv erklärt hatte. Augustin hatte dessenungeachtet die öffeutlecheStimme noch nicht in dem Grade gegen sich, wie Viaro, da man seinen schädlichenEinfluß mehr seiner unverschuldeten Unfähigkeit, als jener absichtlichen Böswillig-keit zuschrieb, die man als die erste Triebfeder der Handlungen Viaros betrachtenmochte. Auch scheint Augustin an den letzten Gewaltstreichen des Präsidenten imJahre 1831 nur einen sehr mittelbaren Anthcil genommen zu haben; und so wäreer vielleicht damals schon völlig in Vergessenheit gesunken, wenn nicht das traurigeEnde seines Bruders ihm noch auf einige Monate eine gewisse Bedeutung fürdie Entwickelung der jüngsten Ereignisse in Griechenland gegeben hätte. Da je-doch dieser letzte Theil seiner politischen Wirksamkeit nur im Zusammenhange mitjenen Ereignissen verstanden werden kann, so halten wir es nicht für unzweckmä-ßig, hier den Faden der Erzählung wiederaufzunehmen, den wir in dem ArtikelGriechenland bei der Ermordung des Präsidenten fallen ließen.
Die allgemeine Ruhe, welche in den ersten Wochen nach der Ermordung desPräsidenten in ganz Griechenland herrschte, würde uns als ein unerklärliches Pro-blem erscheinen, wenn wir nicht einen hinlänglichen Erklärungsgrund dafür in demseltsamen Eindruck finden könnten, welchen das Unerwartete dieser traurigen Kata-strophe aus die Gemüther aller Parteien machen mußte. Allerdings standen sichum diese Zeit die feindlichenElemente so schroff gegenüber, die vorhandenen Gegensätzehatten eine so bestimmte formelle Gestalt bekommen, daß man mit der gespanntestenErwartung, aber doch mit einer gewissen Ruhe, einer unvermeidlichen entscheiden-den Wendung der Dinge entgegen sah; die Umstände schienen jedoch eine ganz an-dere, vielleicht weniger gewaltsame, erfreulichere und befriedigendere Entwickelungzu versprechen. Die Opposition auf Hydra gewann taglich, wie an äußerer Machtund Ausdehnung, so auch an innerer Tüchtigkeit und Klarheit ihres Zweckes. Un-zeachtet der durch ein Decret des Präsidenten vom 20. Aug. angeordneten Blokade,unzeachtet der Bemühungen der Regierungspartei, dem Einfluß der Oppositionüberall selbst gewaltsame Schranken zu setzen, hatten die Hydrioten dennoch fort-fahrend mit dem Festlande, namentlich Morea, Verbindungen unterhalten, unduberall großen Anklang gefunden für ihre Ansichten und Zwecke. Wir haben be-sitz erwähnt, daß sich gegen 60 Deputirte, meist von den Inseln, zu einer Ge-Mversammlung im Sinne der Opposition freiwillig zrfHydra eingefunden hatten,Ehrend die mit den empörendsten Gewaltmitteln gleichsam zusammengescheuchten. geordneten für die von dem Präsidenten auf den 20. Sept. nach Argos beschie-ße Nationalversammlung daselbst in so geringer Zahl eingetroffen waren, daßle beabsichtigte Eröffnung geradezu unterbleiben mußte. Rechnen wir hierzu nundie große Unbeholfenheit der Regierung zu Nauplia, die bei dem steigendenan Selbstvertrauen auf Seiten des Präsidenten, bei der geringen Zahlt'ger und entschlossener Männer in seiner Umgebung und bei der täglich zuneh-Finanznoth sehr natürlich war, so erklärt es sich wol zur Genüge, wennOpposition mit Bestimmtheit auf einen Sieg des Bessern rechnen mochte, wel-