628 Kapodistrias (Familie)
letztes Ziel betrachtete, eine feste Grundlage zu gewinnen. Auf diesem langsamem,aber gewiß sichern Wege kam er freilich mit den begeistertsten Hetairisten, welchedie schleunigste Erkampfung der politischen Freiheit fast als einzigen Zweck der He-tairie betrachten mochten, in vielfachen Widerstreit; und theils hierdurch, theilsaber auch durch seine Stellung als Mitglied des russischen Cabinets mag er bewo-gen worden sein, den Antrag, sich an die Spitze der Hetairie zu stellen, von sich zuweisen. Man scheint aber dessen ungeachtet spater, als durch Emissaire der He-tairie der Aufstand in Griechenland vorbereitet wurde, seinen durch seine Verhalt-nisse einflußreichen Namen gebraucht zu haben, um den Planen, Mitteln undZwecken der Hetairie bei dem Volke umso mehr Glauben zu verschaffen, indemman hiermit mittelbar die Hülfe Rußlands verbürgen zu können meinte. DieserUmstand mag wesentlichen Einfluß auf sein Benehmen bei dem Ausbruche derRevolution im Jahre 1821 gehabt haben. Der Aufstand in der Walachei undVpsilantis' Aufruf zu allgemeiner Bewaffnung in Griechenland wurden von ihmals unzcitig nicht nur öffentlich gemisbilligt, sondern er soll auch den Griechen dieVersicherung gegeben haben, daß sie von Rußland keine Unterstützung zu erwartenhatten, wovon sie denn auch, namentlich durch das Benehmen Alexanders gegenPpsilantis (f. Bd. 12), zu spat überzeugt wurden. Die Politik Rußlands inBezug auf Griechenland bestimmte ihn indeß schon 1822, seiner Stelle als activcsMitglied des Ministeriums zu entsagen, ohne gerade als entschiedener Befördererder griechischen Sache aufzutreten.
Von Kaiser Alexander geehrt und geachtet, geliebt von Allen, welche mitihm in näherer Berührung gestanden, verließ er Nußland und begab sich nach derSchweiz, wo er wcchselsweise zu Genfund Lausanne in der Zurückgezogenheit lebte.Es ist ihm spater, wol mit Unrecht, vorgeworfen worden, daß er damals schonden Plan ins Auge gefaßt habe, sich die oberste Gewalt in Griechenland zu sichern;allein ganz abgesehen davon, daß überhaupt die Verhaltnisse in den ersten Jahrendes Aufstandes schon an sich jeden bestimmten Plan dieser Art höchst problematischmachten, so fehlen auch die Thatsachen, welche einer solchen Annahme zurBestätigung dienen könnten. K. blieb zwar wahrend seines Aufenthalts in derSchweiz ein aufmerksamer Beobachter des Ganges der Ereignisse, er ließ denGriechen, namentlich im Verein mit Eynard, durch hausige Geldunterstützungaus eignen Mitteln manche Hülfe angedeihen, sorgte auch für die Erziehung undBildung mehrer jungen Griechen, welche in der Schweiz und in Deutschland einenZufluchtsort suchten, scheint aber vielleicht vorzüglich durch die schwankende Poli-tik der drei Hauptmächte bewogen worden zu sein, sich jeder unmittelbaren Ein-mischung in die griechischen Angelegenheiten zu enthalten. Auch seine Reise durchDeutschland, Frankreich und die Niederlande im Sommer 1826 mag zunächstnur insofern mit der Sache der Griechen in einiger Verbindung gestanden haben,als er seinen Einfluß zur Unterstützung der Griechen durch bereits bestehende oderzu bildende Hülfsvereine so viel möglich geltend zu machen suchte. Schon imLaufe desselben Jahres jedoch hatte sich in Griechenland das Gerücht verbreitet,daß K. berufen werden solle, sich an die Spitze des griechischen Staats zu stellen,und auch bei den Petersburger Conferenzen zwischen Wellington und dem russischenCabinet war die Sache um dieselbe Zeit Gegenstand ernsterer Unterhandlungen ge-wesen. Inwieweit K. selbst darum gewußt oder Theil daran gehabt habe, laßtsich nicht bestimmt ermitteln. Mit Gewißheit kann man dagegen annehmen, daßer absichtlich jeden Schein einer Mitwirkung zu vermeiden suchte, welche ihn leichtin ein sehr ungünstiges Licht hätte stellen können. Nach seiner Rückkehr in dieSchweiz lebte er noch bis zu Ende des Jahres 1826 zurückgezogen zu Genf. ImJan. 1827 begab er sich abermals nach Frankreich, angeblich um nach Petersburgin den activen Staatsdienst zurückzukehren, doch verweilte er bis zum Mai in