Kapodistrias (Familie) 627
, drohte, ward K. zum außerordentlichen Bevollmächtigten der Regierung ernannt,und erhielt zugleich den Oberbefehl über sämmtliche Milizen der sieben Inseln undüber die Griechen aus Epiros, Albanien, Thessalien und Morea, welche alsFlüchtlinge in die Dienste der Republik getreten waren und ein eignes Truppen-corps bildeten. Auf diese Weise kam K. zum ersten Male mit mehren der ausge-zeichnetsten Heerführer des griechischen Festlandes, Kolokotronis, Markos Bot-suis, Karaiskakis u. A., in nähere Berührung und knüpfte mit ihnen Verbindun-gen an, welche wenigstens in Zukunft nicht ohne bedeutenden Einfluß bleibenkonnten. Für jetzt gab indeß der Friede von Tilsit, welcher die ionischen Inselnwieder in Frankreichs Gewalt brachte, der politischen Thatigkeit K.'eine andereRichtung. Aus Grundsatz verließ er unter der neuen Regierung den Staatsdienst,und lebte als Privatmann auf seinen Gütern, bis ihm von Seiten Nußlands, imZun. 1808, ehrenvolle Anerbietungen gemacht wurden, welche er um so wenigeranzunehmen zögerte, je mehr er Rußland für diejenige Macht halten mochte, welchefür die Befreiung seines Vaterlandes das Meiste thun könne. Im Jan. 1809begab er sich nach Petersburg, wo er bei dem Departement der auswärtigenAngelegenheiten angestellt wurde. Nachdem er hier durch einen dreijährigen Dienstin seinem neuen Wirkungskreise heimisch geworden, ward er 1811 der russischenGesandtschaft in Wien beigegeben, aber schon 1813 als Chef des diplomatischenDepartements nach dem Hauptquartiere der russischen Armee an der Donau, unddann spater nach dem Hauptquartiere der großen Armee berufen, wo er bis 1815an den wichtigsten Unterhandlungen den größten Antheil hatte. So ward er schonim Nov. 1813 durch Kaiser Alexander nach der Schweiz gesandt, und erreichtenicht nur den Zweck seiner Sendung, die Vereinigung der Schweizer mit den Ver-bündeten gegen Frankreich, sondern legte auch den Grund zu dem neuen Systemder schweizerischen Eidgenossenschaft, als deren kräftigster Fürsprecher er später aufden Congressen zu Wien, Paris und Aachen auftrat. Aus dieser Zeit schreibt sichseine Vorliebe für die Schweiz, welcher die dankbarste Erkenntlichkeit von Seitender Schweizer entgegenkam. Da er sich bald das volle Vertrauen des KaisersAlexander erworben hatte, so ward er bei den erwähnten Congressen zu denwichtigsten Unterhandlungen gezogen, unterzeichnete 1815 als russischer Bevoll-mächtigter den zweiten Frieden zu Paris und machte seinen Einfluß namentlichauch zu Gunsten seines Vaterlandes geiteno, indem vorzüglich durch seine Vermit-telung die Herstellung der Republik der sieben ionischen Inseln unter Großbritan-niens ausschließendem Schutze bewirkt wurde. Von 1818 — 22 war K. Mini-ster der auswärtigen Angelegenheiten in Rußland, und sicherte sich auf diesem wich-tigen Posten durch umsichtige Mäßigung ebenso sehr die Achtung der Monarchen,als durch liberale Politik die Liebe und gute Meinung der Völker. Fortwährendlag ihm das Schicksal seines unterdrückten Vaterlandes am Herzen, und er bliebm aufmerksamer Beobachter der Bewegungen, welche, vorzüglich seit der Er-Neuerung der Hetairie 1814, die Erhebung des griechischen Volkes 1821 vorbe-reiteten. Über sein unmittelbares Verhältniß zur Hetairie laßt sich nur so viel sa->M, daß er um ihre Zwecke und Plane wußte und diese eher begünstigte als zuhindern suchte; ja, seine Reise nach Korfu 1819 soll damit sogar in nähererVerbindung gestanden haben, und ihn nannte man mit großer Wahrscheinlichkeitallgemein als den Verfasser einer Schrift, welche um dieselbe Zeit unter dem Ti-tel: „Bemerkungen über die Mittel zur Verbesserung des Schicksals der Griechen",Zu Korfu erschien und bald nach allen Richtungen auf dem griechischen FestlandeAbreitet wurde. Die darin ausgesprochenen Grundsätze und Ansichten warenallerdings diejenigen, zu welchen K. sich bekannte, der nach gemäßigtem Princi-plen das griechische Volk erst durch moralische und wissenschaftliche Bildung zui^en gedachte, um dadurch für die einstige politische Freiheit desselben, die er als
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