Jordan (Johann Ludwig von) 601
Berlin zurückgeschickt, mit dem besondern Auftrage, die damals in Stocken gera-tenen Theilungsverhandlungen mit Sachsen zu beschleunigen.
I. ging im Mai 1818 nach Dresden. Die Verhaltnisse waren bisher soverwickelt gewesen, daß die Conferenz darüber in Wien gepflogen werden sollte.Freundliche Ausgleichung über verschiedene Punkte führten zum Entschluß, sich inDresden selbst zu vergleichen. I. conferirte mit Globig, und es kam durch gegen-seitige Concessionen zu vorläufigen Übereinkünften. I. wurde zum Abschluß desHauptvertrags bevollmächtigt, begleitete dann den Staatskanzler nach Spaa undzum Congreß nach Aachen, bei welchem er ebenfalls thätig war. Hier erfolgte für ihnder ehrenvolle Antrag, als Gesandter nach Dresden zu gehen, den er in der Überzeu-gung, auch auf diesem Posten seinem Vaterlande nützlich zu sein zu können, an-nahm. Noch vor feiner Abreise nach Dresden mußte er den schwierigen Vertragm den so verwickelten polnischen Angelegenheiten mir dem damaligen russischen Ge-sandten Grafen von Alopäus zu Stande bringen. Als er in Glinicke vom FürstenHardenberg Abschied nahm, drückte ihn dieser mit tiefer Wehmuth an die Brust,fühlend, daß einer seiner treueften Freunde und Anhänger auf immer von ihmscheide. Im Mai 1819 in Dresden angelangt, erwarb er sich durch Beschleuni-gung und definitiven Abschluß des Theilungsvertrags das Zutrauen des KönigsFriedrich August und erhielt zum Beweise das Großkreuz des sächsischen Verdienst-ordens. Die freundschaftliche Annäherung beider Höfe war eine Folge des ihmmit vollem Rechte von beiden Seiten geschenkten Zutrauens. Die aus den Depu-taten aller Uferstaaten zusammengefetzte Eommission zur Regulirung der freienElbschifffahrt trat in Dresden zusammen. Da die Magdeburger Stapelgerechtig-keit aufgegeben und von Preußen manches Opfer gebracht werden mußte, hatte derpreußische Deputirte >ine der schwierigsten Aufgaben zu lösen. Bei aller Klugheitdes vsireichischen Commissarius, des Barons Münch-Vellinghausen, und des pro-tokollsührenden Raths Eichoff, würde die Sache, wie in Mainz, hingehalten wor-den sein, wenn es I. nicht in Gemeinschaft des östreichischen Commissarius gelun-gen wäre, mit unermüdeter Sorgfalt das getrennte Interesse sämmtlicher Uferstaa-ten durch Darbringung gleicher Opfer zum gemeinschaftlichen Handelsinteresse vonDeutschland zu vereinigen. Das ihm erthcilte Großkreuz des Leopold- und Dane-brogordens bezeugte die Zufriedenheit der Höfe von Wien und Kopenhagen. DaI. auch bei Sachsen-Weimar undmehren kleinen norddeutschen Höfen accreditirtist, verlebte er nicht nur manche angenehme Tage am Hofe in Weimar, sondernhatte auch die Freude, die Vermählungsacte der zwei jüngern Söhne seines Königs,der Prinzen Karl und Wilhelm, mit den weimarischen Prinzessinnen Marie undAuguste in den Jahren 1826 und 1828 zu unterzeichnen, welches ihm von Seitenseines Hofes den wirklichen Geheimrath mit Excellenz brachte. Seine Lage inDresden ist die angenehmste. Doyen des dortigen diplomatischen Corps, findet erzu allen Geschäften einen guten Rath, zu allen Ereignissen eine treffende Bemer«kung, zu jedem Anspruch eine treffende Gegenrede. Nie vertrocknet die Ader sei-nes stets schlagfertigen Witzes, dem doch durch eine scheinbare Gutmüthigkeit derver-wundende Stachel genommen ist. Feind aller Extreme und aller Unduldsamkeit,von keinem engherzigen Eigennutz besessen, fördert er das Gute, wo und bei wem eres findet. Seine Dienerschaft wird alt bei ihm. Seine Freundschaft trennt nurder Tod. Auch vom jetzt regierenden König Anton mit vorzüglichem Zutrauen be-glückt, genießt er es auch von allen Staatsbehörden, soweit es mit seiner Stellungverträglich ist. Sein gastfreundliches Haus öffnet sich jedem Stande und Verdiensteund ist im Winter oft der Mittelpunkt geselliger Genüsse. Nichts von Allem, wasseit länger als 40 Jahren in Europa geschah, blieb ihm fremd. An Vielem hatte ergroßen, doch wenig bemerkten Antheil. Möchte er seinen Vorsatz ausführen undseine Memoiren in der europaischen Gemeinsprache niederschreiben! (55)