578 Jarcke
gcnblick einem klaglichen Abschluß zu nähern. Frankreich schlug sich damals geradedurch die Schmälerung einer der drei Staatsgewalten, derPairie, eine tiefe Wunde'während ein großartiger Minister die Revolution in ihr Ufer zurückzudrängensuchte; in Belgien war ein ohnmächtiges Gemisch von Widersinnigkeiten; inEngland kämpften die Aristokraten für das alte Herkommen; für Portugal ent-warf Don Pedro den Plan, seinem Volke einen Liberalismus aufzunöthigen, denman dort weder kennt noch wünscht; Griechenlands Lage zeigte, wie ein Volk ohnevereinenden Mittelpunkt eines Herrfcherhauptes untergehen könnte; Polen war dainnern Zwietracht nicht minder als dem Schwerte des äußern Siegers anheimgefal-len : da erst eröffnete I. seinen Feldzug gegen den Liberalismus, der das gesunde ger-manische Leben zu zerstören drohte. Aber die Stimmung des Publikums war gegenEnde des Jahres 1831 noch vag und schwankend, und J.'s Verdienst bleibt immernoch groß genug, mit historischer Bestimmtheit und assertorischer Festigkeit nicht min-der als mit sarkastischer Bitterkeit den Despotismus und die Lüge, die unter der Larvedes Liberalismus oft genug einherfchleichen, in ihrer ganzen Blöße aufzudecken,über die theoretisch-doctrinellen politischen Spekulationen die Geißel zu schwingenund die flache Hohlheit des mattköpsigen und doch trunkenen Gefasels von ganz ab-strakter Freiheit zusammenzustürzen, das die Sehnsucht der Völker belügt und dasZiel ihrer Wünsche durch eine vorschnelle Geburt in die noch unreife Gegenwarthereinzerren möchte. *) Räumen wir I. vollauf ein, daß er die Schattenseite desLiberalismus so dunkel und schwarz, wie sie ist, gezeichnet hat, so gereicht es ihmjedoch zum größten Vorwurf, daß er für die Lichtseite desselben blind ist, mithinseine Zeit und ihre großen Erscheinungen miskennt. Es gibt aber einen Liberalis-mus, mit welchem der Geist unsers Jahrhunderts ganz identisch ist, und dem selbst diedrei osteuropäischen Mächte, nicht aus Convenienz gegen den Bund von Frank-reich und England, sondern vom Weltgeist unbewußt getrieben, huldigen müs-sen, und wäre es selbst mit Inkonsequenz gegen locale, besondere Interessen. Daßman den Franzosen nicht nach orthodox bornirter Weise des vorigen Jahrhun-derts die vertriebenen Bourbons aufzudringen suchte und Frankreichs Wunden,die es sich damit selbst geschlagen, still verbluten läßt, daß man sogar denBelgiern selbständig zu werden erlaubte, die Insurrektion in Braunschwcigsanctionirte, Griechenlands Grenzen sicherte, ihm einen König gab und fürseine organische Ruhe sorgte, und überall, wo es sich nur selbst siegreich undenergisch wie mit einem einzigen Wurfe vollendete, dem Walten des modernenGeistes, selbst wenn man ihn nicht begreifen konnte, seinen Spielraum ließ, diessind Erscheinungen, die unserer Zeit den Stempel höchster Eigenthümlichkeitaufdrücken. I. kennt sie nicht, er schweigt darüber verdrossen und sein beschrankterStandpunkt zeigt sich hier abermals ungenügend und der hohen Empfänglichkeitfür die Größe seiner Zeit baar und ledig. Die Gegenwart ist, wie jeder Zeitmoment,ein Werdendes und kein stabiler Sumpf. Das verkennt I., indem er nur des-halb an die Erscheinungen der Vergangenheit und an die Erfahrung, die daraus ge-wonnen ist, appellirt, um die Gegenwart in eine chinesische Starrheit zu bannen.Jede Reform, auch wenn sie auf die gesetzmäßigste Weise ins Leben tritt, ist ihmverhaßt und heißt ihm Revolution. Was z. B. in der badischen Kammer über dieAufhebung des Zehnten durch Rotteck in Anregung gebracht wurde, nannte man lin„Berliner politischen Wochenblatt" schreiende Willkür, jedoch nur so lange, bis esdie dortige Regierung bestätigte; sobald der Regent sanctionirt,so schweigtJ. Zwarhat er auch gegen liberale Fürsten eine fast stehende Redensart, indem er sag -„Wenn die Großen, selbst Könige mit der Revolution buhlen"; aber er wendetpfiffig genug diesen grandiosen Ausspruch auf keinen bestimmten Fall an. i^dcc
5) S. „Berliner politisches Wochenblatt", Nr. 5, vom L6. Nov. l331.