Jarcke 577
tus unbefriedigt fand, auch gewinnsüchtige, äußerliche Absichten dürfen nicht alsMotiv angenommen werden; sein Ubertritt war durchaus — was er selten seinmag — Erzeugniß des Verstandes, der sich im Bewußtsein der Unzulänglichkeitseiner endlichen und beschrankten Kräfte für verloren hält und nicht im Stande ist,
> sich zur Vernunft zu erheben, die einzig und allein auf wahrhaft dialektischem Wegedas Endliche mit dem Unendlichen verknüpft und versöhnt. Und so hat sich dennI,, wie dies seine Schriften bezeugen, den lebendigen Forschungssinn des Verstan-
! des gar wohl erhalten und sein spähender Scharfsinn reicht überhaupt soweit als deri M Endliches an Endliches anreite nde Verstand zu führen vermag; wo dieser seinen^ Gegenstand nicht mehr beherrscht, da wird uns ein Sprung zugemuthet, der den Man-I gel einer tiefern Durchführung und den beschränkten Standpunkt einer oberflächlichj abgeschöpften Staatslehre fühlbar macht. Daß in Jarcke's „Handbuch des gemeinendeutschen Strafrechts" (Berlin 1827—30), von welchem bereits drei Bande erschie-nen sind, im Einzelnen eine glückliche, scharfsinnige Dialektik herrscht, räumt je-der Jurist, zumal der praktische, gern ein vergebens aber würde man nach derIdee der Gerechtigkeit und nach der organischen Gliederung eines fettigen Staatsunter seinen Ansichten suchen, und an eine Vermittelung des endlich gegebenen Ge-setzes mit dem absoluten Recht ist nicht zu denken. Ebenso wenig hatJ. die Ioee desi Staats irgendwie fest und sicher aufgestellt und der beliebt«, aber ganz ungenügendeAusspruch: „Das Königthum ist unmittelbar von Gott gegeben und der Fürst ist
> der Beamte Gottes", ist doch so unwissenschaftlich und so lax als möglich, undführt zu nichts, da Alles und Jedes ein von der Gottheit positiv Gesetztes ist.Bald nach seinem Übertritt zur katholischen Kirche habilitirte sich I. zu Bonn alsDocent der Rechtswissenschaft, trat jedoch nach einiger Zeit von der akademischenLaufbahn zurück und begab sieh mit dem Professortitel, den man ihm bei seinem
i Ausscheiden bewilligte, nach Köln, um dort als Advokat zu prakticiren. Die Liebezur frühem Thätigkcit mochte aber von Neuem in ihm erwachen, denn er hieltnicht lange darauf um die Erlaubniß an, als akademischer Lehrer wieder auszutre-ten. Unter der Bedingung einer Ortsveränderung und ohne ihm die Aussicht ausGehalt zu eröffnen, wurde ihm endlich von Seiten des preußischen Ministeriumsgestattet, an der Universität zu Berlin zu dociren, wo er namentlich in seinen Vor-lesungen über das Criminalrecht ein nicht unbeträchtliches Zuhörerpersonal um sichversammelte, das sich durch seinen klaren, bündigen Vortrag und durch die Dia-lektik seiner verstandigen Forschung angezogen fühlte. Insofern er auf die starreRuhe absoluter Staatsformen hinwies, konnte man ihm in Preußen allerdings ei-nen Wirkungskreis dieser Art eröffnen; nur wer ihm tiefer bis auf die Basis seinerRchren folgte, mußte gar wohl bemerken, daß Das, was psychologischer Scharfsinnund historische Treue schien, oft nur ein schielender Advokarenwitz war, sich le-d'glich auf die unerschütterliche Unzuganglichkeit katholischer Dogmen stützte undnlle Beweglichkeit seines prüfenden Gedankens vor diesem steifen Hintergrunde nurdaher spielte. Besonders aber war es, außer der oben angeführten Schrift überd'e Juliusrevolution in Frankreich, das im Ott. 1831 begonnene „Berliner poli-tische Wochenblatt", wo I. von bedeutenden Aristokraten, die in ihm den ver-I Endigen Dialektiker begünstigten, mit ansehnlichen Mitteln unterstützt, und auf^ruheliebende, der Neuerungssucht müde gewordene Publicum rechnend, seinen^mpf alle Bewegung, im Reiche der Geschichte wie im Bezirke des Ge-^nkens, vollauf entwickelte. Vielen schien diese Eröffnung des Streits gegen den^"^ismusder gegen die doctrinaire Sucht, nach flüchtig erhaschten Ab-vtctionen Verfassungsformen zusammenzusetzen und politische Luftschlösser zunicht nur großartig, sondern auch kühn; allein die Sehnsucht nach dem^ .arren aus den festen Formen historischer Entwickelung war schon damals lc-'fg genug geworden und die Geschichte des Liberalismus schien sich für den Au-neuesten und Literattw. II. 37