546 Italien in den Jahren 1831 und 1832
die Staatsschuld sich außerdem noch um 500,000 vermehrt hatte. Diesund das Umsichgreifen der nun durch alle Classen sich verbreitenden Oppositionwaren die Früchte des neunmonatlichen falschen Spiels des römischen Hofes,wahrend die völlige Beruhigung und Zufriedenstellung der Provinzen in seinerMacht gestanden hatte. Der Cardinal Albani, seinem Charakter treu, wollte nundie Legationen durch Prevotalhöfe regieren. Am 20. Febr. bestellte er einen Ge-richtshof für Majestätsverbrechen und Empörung, dessen Gesetze mit Blut geschrie-ben waren, und zugleich foderte er von dem verarmten, von Noth und Elend er-drückten Lande eine gezwungene Anleihe von 200,000 Scudi, nachdem wenigeTage vorher eine vierteljahrliche Steuerzahlung von der Provinz Bologna alleinmit 70,000 geleistet worden war. Die Universität wurde sogleich von Neuem ge-schlossen, und Albani umgab sich mit einem Kreise von Beamten und Rathgebern,deren Unfähigkeit oder Schädlichkeit selbst von Päpstlichgesinnten anerkannt werdenmußte.
Unterdessen hatte das französische Ministerium den Entschluß gefaßt, nichtmehr ruhiger Zuschauer bei den Angelegenheiten Italiens zu bleiben. Am 6. und7. Febr. segelte eine Flotille mit Landungstruppen von Toulon ab, ohne daßman über ihre Bestimmung etwas Zuverlässiges wußte, langte am 23. auf derRhede von Ancona an, bemächtigte sich der Stadt in der folgenden Nacht und derCitadelle am 23. Ihr Befehlshaber erklarte zwar in einer Proklamation vom 27,ihre Sendung sei die des Friedens und der Garantie, aber der papstliche Hof be-klagte sich in wiederholten Noten an den französischen Botschafter über diese Ver-letzung seiner Oberhoheitsrechte und verlangte die Räumung der Stadt; dies ge-schah aber nicht, und von nun an wurde Ancona auf eine Zeitlang der Sitz einerzügellosen Opposition. Die päpstliche Regierung rief die dort noch befindlichenTruppen und die Beamten weg, es bildeten sich bewaffnete Haufen, der Gonfalo-niere ward durch Dolchstiche ermordet, die Stadt befand sich ohne Obrigkeitund schritt der Anarchie entgegen. Am 24. Zun. sprach der Papst über die Anco-nitaner einen Bannfluch aus, der weniger Wirkung hatte als das nachmaligeEingreifen der Franzosen in die Angelegenheiten der Stadt, nachdem der römischeHof endlich in die mititairische Occupatio« gewilligt hatte, wodurch die Ordnungwieder in etwas hergestellt und die Rückkehr des Delegaten mit einigen wenigenTruppen und den Beamten (1. Aug.) möglich gemacht wurde. Das Beneh-men des Cardinals Albani in den Legationen hatte indeß die Gemüther so sehr erbit-tert, daß der römische Hof, trotz den fremden Truppen einen neuen Ausstand fürch-tend, sich genöthigt sah, ihn zurückzurufen und in seine Legation nach Pesaro zuschicken, wozu derselbe sich erst nach wiederholten fruchtlosen Mahnungen, und nach-dem sein Nachfolger, Marquis Brignole, Nuntius in Florenz, bereits seit einigerZeit eingetroffen, bequemte.
So ist im gegenwärtigen Augenblicke der Zustand dieses Landes beschaffen.Es herrscht eine Art Ruhe, aber es ist die der Erschöpfung und keine Beruhi-gung der Gemüther. Verfolgungen, Verhaftungen, willkürliche Handlungenwähren fort, und mit ihnen Furcht und Haß. Seit der zweiten östreichiscbenExpedition haben vielfache diplomatische Unterhandlungen in Rom stattgefun-den, aber ohne sichtlichen Erfolg, und die Mächte haben sich überzeugen können,wie es bei dem papstlichen Hofe mit Ertheilung von Concessionen und Einführungwirklicher Verbesserungen steht, und wie sehr sie sich durch dm hinterlistigen Prie-stergeist zum Unglück des Landes haben täuschen lassen. Dke von britischer Seite be-kannt gemachten Verhandlungen zwischen Lord Seymour und den übrigen Bethei-ligten haben darüber merkwürdige Aufschlüsse gegeben. Italien hat unterdessendie wiederholte Erfahrung gemacht, daß es auf keine Hülfe vom Auslande rechnenkann, um wieder zur Selbständigkeit und Nationalität zu gelangen, daß es nur auf