394 Heinrich (Herzog v.Anh.-Köthen) Heinrich XIX. (Fürst Reuß)
lich in seiner düstern Verzweiflung. Nicht so H.; er wird von zwei Welten, derirdischen und geistigen, gleich stark angezogen. Aber dieses Spiel mit sich selbstsich gerächt; sowie Hamlet's vorgeblicher Wahnsinn zum wirklichen wird, so 5^seine erheuchelte Wunde wirklich zu bluten an, und würde sich rettungslos verblutethaben, wenn nicht ein großes Interesse, der Balsam, der seinem kranken Daseinbisher immer gefehlt hatte, sie geheilt und sein ganzes Wesen mit reiner Begeiste-rung gekräftigt und gehoben hätte. Wie er einmal ausgesprochen hat, daß auchdie Freiheit eine Religion sei, so kann man sagen, daß sie zuvörderst ihm zur Reli-gion geworden ist, daß er die Sprache des Gebets und der Frömmigkeit, der Begei-sterung und des Kinderglaubens, nach welchem er sich sonst wie nach einem verlore-nen Paradiese ohnmächtig zurücksehnte, in dem Gottesdienste der Freiheit zuerstwiedergefunden hat. H. entwickelt als politischer Schriftsteller keine Doctrinen, unddie Wärme der Empfindung treibt ihn wol oft über die Grenze hinaus, die der Ver-stand sich gesteckt haben würde. Gleichwol ist er in keiner beschrankten Parteian-sicht einseitig befangen, er weiß, wo in jeder der entgegengesetztesten Richtungen derZeit ein Herz schlägt und fühlt die warmen Pulsschläge des Lebens, wo und wie essich zeigen möge, in seinem Dichterherzen nach. Fern von ihm liegt jener zerstö-rende Rationalismus, den man ihm häusig Schuld gibt, denn die Freiheit ist seineReligion und er dient ihr im Geist und in der Wahrheit. Seine seit 1831 ausParis geschriebenen Mittheilungen für die „Allgemeine Zeitung" hat er unter demTitel: „Französische Zustände" (Hamburg 1832), herausgegeben und durch einVorwort eingeführt, das seine Ansicht der Gegenwart mit Entschiedenheit aus-spricht. (59)
Heinrich, Herzog von Anhalt-Kothen, geboren am 30. Jul. 1778, zwei-ter Sohn des Fürsten Friedrich Erdmann von Anhalt-Pleß und dessen GemahlinLuise Ferdinande, Tochter des Grafen Heinrich Ernst von Stollberg-Wernigerode,erhielt, als sein Bruder Ferdinand (s. d.) 1818 zur Regierung des Herzogtums IAnhalt-Köthen gelangt war, die Standesherrschaft Pleß in Schlesien, welche FürstFriedrich Erdmann von seinem Großvater, dem Grafen von Promnitz, geerbt hatte.Als sein Bruder am 23. Aug. 1830 ohne Nachkommen gestorben war, eilte derFürst in das ererbte Land, und die Hoffnungen, die der Wechsel der Herrschast er-weckte, mögen es vor dem Einflüsse der unruhigen Bewegungen bewahrt haben,für welchen seines Bruders unbedachtsamcr Kampf gegen die öffentliche MeinungEmpfänglichkeit genug erweckt hatte. Die Bemühungen des Herzogs Ferdinand,eine katholische Gemeinde in Köthen zu stiften, zerfielen, sobald die äußere Begün-stigung aufhörte, die von ihm herbeigerufenen Geistlichen verloren sich wieder, unddie katholische Kirche, die schon zum Theil eingestürzt war, blieb unvollendet. DerHerzog lebt seit 1819 in kinderloser Ehe mit Auguste Friederike Esperance, Prin-zessin von Neuß-Köstritz.
Heinrich XIX., Fürst Reuß zu Greiz, ward am 1. März 1790 geboren,dersSohn des Fürsten Heinrich XIII. zu Greiz und dessen noch lebender Witwe Wil-helmine Luise, Prinzessin von Nassau-Weilburg, und kam 181? zur Regierung desLandesantheils der ältern Linie des Hauses Reuß. Zur Erläuterung der biographi-schen Skizzen, die wir hier und in den beiden folgenden Artikeln geben wollen, müs-sen wir zuvörderst an die genealogischen und statistischen Verhältnisse der Fürsten und ^
ihres Gebiets erinnern. Das alte reussische Haus, einst im Besitze des ganzen Voigt-lands, besteht seit dem 17. Jahrhundert aus zwei Linien, der ältern, welche bis1763 in die Äste Obergreiz und Untergreiz getheilt war, und der jünger», die 164?durch Theilung des Gebiets in vier Linien, Gera, Schleiz, Saalburg und Loben-stein, zerfiel. Die Linie Schleiz erlosch 1666 wieder und bei der Theilung ihresGebiets unter die drei andern Aste wurde Reuß-Saalburg nach Schleiz verletzt unblühte als die Linie Reuß-Schleiz fort. Von ihr trennte sich 1683 die Nebenlinie