" ^ Spur zu kommen, den man bald nach der That, die Hände in einer Wasserkufeauf der Straße abwaschend, auch noch vier Tage spater in eleganter Kleidunggesehen haben will. Allein alle Nachforschungen blieben erfolglos und fügten zuden alten Rathseln nur noch neue schwierigere hinzu. Da man H. in der abgele-genen Wohnung seines bisherigen Lehrers nicht sicher genug hielt, so wurde erin das Haus des Magistratsraths Biberbach gebracht und durch zwei Poli-zeisoldaten fortwahrend bewacht. Diese hörten, nachdem er hier einige Mo-nate gelebt hatte, einmal in seinem Zimmer einen Schuß fallen und sahenihn, als sie hineinstürzten, auf dem Boden liegen, sodaß sie glaubten, er habesich erschossen. In der That hatte er sich am Kopfe mit einem Kugelschusse aus ei-ner Pistole verwundet, die an der Wand gehangt hatte und nach seiner Angabelosgegangen war, als er beim Herabholen eines Buchs einen Stuhl bestiegen, dasGleichgewicht verloren und das Gewehr angegriffen hatte, um sich zu halten. Dieswar das letzte Ereigniß, welches bei dem Publicum Bestürzung verbreitete;Verwunderung hingegen erregte noch eine Unterredung H.'s mit dem von einerReise nach Ungarn rückkehrendcn preußischen Lieutenant v. Pirch, bei welcher Er-sterer eine Kenntniß mehrer ungarischer Wörter verrieth. Man glaubte, hierdurchden Schleier des Geheimnisses gelüftet und eine Spur des Verbrechens in jenemfernen Lande gefunden zu haben. Es verbreiteten sich dieserhalb die wunderbarstenGerüchte, die hier jedoch nicht naher erwähnt zu werden verdienen, weil keines der-selben begründet oder verbürgt werden kann.
Unter den vielen Fremden, welche den berühmten Findling zu sehen kamen,batte zuletzt H.'s Genius auch den Grafen Stanhope hinzugeführt, welcher ihn lieb-gewann und ihn als seinen Pflegesohn förmlich angenommen hat. Hierdurch istder Unglückliche, der bei seinen geringen Fortschritten im Wissenschaftlichen und beider unterbliebenen Erlernung eines Gewerbs sein künftiges Fortkommen vielleichtnicht gesichert gesehen hatte, jeder Sorge enthoben worden.
(Die merkwürdige Erscheinung Kaspar Hauser's ist in Vorstehendem nachihren Hauptzügen dargestellt worden. Je weniger bis jetzt über den Gang und dieErgebnisse der eingeleiteten Untersuchung bekannt geworden ist, so lange lückenvolle,ja widersprechende Darftellungen vorlagen, desto leichter konnte Zweifel und Un-glaube erwachen. Der Erste, der an der Wahrheit der Geschichte zweifelte, war derPolizeirath Merkel in Berlin, der in seiner Schrift: „Kaspar Hauser, nicht un-wahrscheinlich ein Betrüger" (Berlin 1830), die berichteten Thatsachen bei seinervorgefaßten Meinung, daß H. ein Betrüger sei, nicht unbefangen prüfen konnte.Diese Schrift stützt sich lediglich aus die frühern, theils mangelhaften, theils un-A. wahren Berichte, und auf öffentliche Bekanntmachungen, die zu einer Zeit geschrie-^ den wurden, wo H. noch nicht im Stande war, eine bestimmte Einsicht in seinSchicksal zu veranlassen, und wo sich nur aus Bruchstücken ein Urtheil zusammen-stellen ließ. Ungefähr um dieselbe Zeit suchte der Eriminaldirector Hitzig zu Ber-I.A liu in seinen „Annalen der t«utschen und ausländischen Criminalrechtspflege (Heft14) der Theilnahme des Pudlicums eine bestimmte Richtung zu geben und foderte^ zu Geldbeiträgen auf, um die schwierigen Untersuchungen zu fördern. Seitdemhat Feuerbach die erste kritische und unparteiliche Zusammenstellung der bewährterthatsachen in seiner Schrift: „Kaspar Hauser, Beispieleines Verbrechens amSeelenleben" (Ansbach 1832), gegeben und, mit den Untersuchungsacten bekannt,den Zusammenhang der Geschichte so weit aufgeklärt, als das bis jetzt gewonneneErgebniß gestattete, Amtspflicht und Vorsicht es erlaubten. Er hat besonders auchdarauf hingewiesen, wie man früher Vermuthungen oder Schlüsse als Thatsachenaufgestellt habe, die von den Zweiflern benutzt worden sind, und er spricht sein Be-dauern aus, daß man es gleich bei dem ersten Erscheinen Hauser's in Nürnberg ansorgfaltiger Beobachtung, aufmerksamer psychischer und körverlicher Pflege und
24*