342 Hanover
/ Organe, bei der, der Regierung jeden tiefern Blick in die untern Verhältnisseversagenden Abgeschiedenheit vom Volke, blieb all dies der Regierung auf eineWeise unbekannt, welche die Ergreifung kraftiger Gegenmittel ganz unmög-lich machte.
Zwei sehr traurige Jahre hatten die allgemeine Roth auf das Höchste gestei-gert, da siel plötzlich im Jul. 1830 in Frankreich ein Donnerschlag, der auch inHanover durch die Ueberzeugung, daß rasche Gewaltthat das sicherste Mittel sei, selbstnoch mehr als Das zu erlangen, was von Allen so sehnlich gewünscht wurde, diedumpseUnzufriedenheit in eine wirkliche revolutionnaire Gährung verwandelte, undes fehlte, um alle Schrecken einer gewaltsamen Umwälzung herbeizuführen, nurein Signal im Lande selbst. Die größere Halste der Revolution, die Auflösungaller moralischen Bande zwischen Regierung und Volk, war langst vollendet, undes war nur noch der Umsturz der äußern Schranken der bürgerlichen Ordnungübrig; Jenes konnte nur durch jahrelange nachtheilige Einwirkungen vollbrachtwerden. Dieses war das Werk eines gewaltsamen Augenblicks.
Nur zu bald schien dieser Augenblick nahen zu wollen. Holzentwendungen,öfter wiederholte Pöbelaufstände gewaltthätiger und gefährlicher Art bezeichnetenden Charakter der Zeit. Die Regierung, erschreckt, aber in der Meinung, daßnur die allgemeine Noth, kein politisches Bedürfniß die Veranlassung dereinzelnen Vorfälle ausmache, suchte deshalb nur jenen Grund zu heben; die Folgeergab jedoch, daß es damit keineswegs gethan war. Daher unterblieb einerasche Zusammenberufung der Stände, welche, so gefährlich sie bei der allgemei-nen Aufregung unstreitig gewesen sein würde, doch jetzt das einzige Mittel war,jenen Bewegungen vorzubeugen. Im Süden dcS Königreichs hatte sich schon seitlängerer Zeit eine besonders unzufriedene Stimmung kundgegeben, und hier bil-dete sich auch der Brennpunkt der nachherigen gewaltsamen Unternehmungen. Am 5.Jan. 1831 erfolgte in Osterode die erste revolutionnaire Bewegung. Auch hier hattesich die Unzufriedenheit über eine unvollkommene Vertretung, über Nahrungslo-sigkeit und mancherlei andere Misverhältnisse seit längerer Zeit schon auf eine sehrbittere Weise offenbart und in einer, jedoch ohne Antwort gebliebenen, Be-schwerdeschrift an die höchste Landesbehörde kundgegeben. Es bildete sich hieraufein ziemlich zahlreicher Verein, welcher die Überreichung einer Beschwerdeschristan den König durch dessen Bruder, den Herzog von Cambridge, Generalgouver-neur von Hanover, beschloß, eine Communalgarde, angeblich zur Verhütung vonExcessen, zu errichten begann und zu diesen Unternehmungen die Zustimmungder städtischen Obrigkeit nicht nur nicht einholte, sondern auch, wenigstens zumTheil, deren Functionen aufhob. Die Sache wurde bei der höchsten LandesbesHörde zur Sprache gebracht und von derselben der Landdrost Nieper in Hildesheimbeauftragt, nötigenfalls unter Beistand der in der Gegend befindlichen Truppen,die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen, zu welchem Ende eine Schwa-dron Cavalerie, eine Abtheilung Artillerie und ein Bataillon Infanterie nachOsterode beordert wurden. Gleichzeitig mit diesen Vorfällen ward eineSchmähschrift: „Anklage des Ministeriums Münster vor der öffentlichen Mei-nung", verbreitet, worin der anonyme Verfasser in einer sehr leidenschaftlichenSprache eine Menge Beschwerden, in welchen Übertreibungen, Verdrehun-gen und Unwahrheiten mit mancher schneidenden Wahrheit abwechseln, auf-stellt und auf eine gar nicht zu rechtfertigende Weise alle Schuld dem GrafenMünster beimißt. Die Wirkung dieser Schmähschrift war bei der allgemeinenAufregung um so größer, da Niemand über die eigentlichen Ursachen des Druckessich Rechenschaft zu geben wußte, und jeder daher mit der Begierde des, einenGegenstand zur Auslassung seines Zorns aufsuchenden Unwillens mit dZsto grö-ßerm Eifer Dasjenige aufgriff, was als Ursache davon bezeichnet wurde. Die zu-