326 Hambacher Fest
merkwürdigen Verhandlungen der badischen Abgeordnetenkammer waren von demwichtigsten Einflüsse auf die Volksstimmung, und der vielbesprochene Antrag,den Welcker in Beziehung auf die organische Entwickelung des Bundestags zurBegründung deutscher Nationaleinheit, und auf die Einführung einer aus denAbgeordnetenkammern zu wahlenden Deputirtenkammer neben der Bundesver-sammlung, im Oct. 1831 machte, konnte für das Programm der Ereignissedes verhängnißvollen Jahres 1832 gelten. Wahrend der Landtag in Baden imDec. 1831 mit wichtigen, der nachgiebigen Regierung abgewonnenen Gewah- irungen endigte, war die bairische Ständeversammlang, wie sie unter lebhafterAufregung der von oben herab unklug gereizten Gemülher begonnen, unter unheil-voller Verstimmung der Regierung und der Stande, unter Mistrauen und Em-pfindlichkeit von beiden Seiten fortgedauert hatte, ohne beruhigende und versöh-nende Ergebnisse geschlossen worden. Die durch den Zwiespalt der Kammern ver-eitelte Hoffnung, ein Preßgesetz zu erhalten, wirkte besonders auf Rheinbaiern undzum Theil auch auf die fränkischen Provinzen nachtheilig zurück. In Rheinbaiern,dessen Abgeordnete in der Wahlkammcr durch Freimuth sich ausgezeichnet hatten,konnten manche gegründete Beschwerden, die noch Abhülfe erwarteten, leicht Em-pfänglichkeit für Aufregung erzeugen. Das Volk in diesem Lande, ein geistreicherund kräftiger Stamm, hatte zwar unter der Fremdherrschaft wenig politische Frei-heit genossen, war aber durch zwanzigjährige Vereinigung mit Frankreich anStaatseinrichtungen und Gesetze gewöhnt worden, welche ihm eine staatsbürger-liche Erziehung gegeben, seinen politischen Blick geschärft hatten, und ihm daherein so werthes Besi'tzthum geworden waren, daß sie ihm nach der Rückkehr unterdeutsche Herrschaft gelassen werden mußten. Wie durch Gebirge und Flüsse wares auch durch Charakter, Sitten und Verfassung von dem alten Kern des bairischenVolks getrennt, und auch hier zeigte sich, wie anderwärts, daß Eroberung, Frie-densschlüsse und diplomatische Federstriche zusammengeworfene Gebictstheile nichtsogleich in organische Gebilde umschaffen können.
Schon wahrend des Landtags hatte die Vereitelung der Erwartungen von denVerhandlungen der Stände eine ungünstige Stimmung im bairischen Rheinland?erweckt, die durch einige Zeitschriften unterhalten ward, unter welchen besondersSiebenpfeisser's „Rheinbaiern" und „Westbote" durch kräftige Berührung man-cher wunden Stellen des Verwaltungswesens einen weitverbreiteten Einfluß ge-wannen, aber auch bei dem zuweilen hervortretenden Mangel an klaren Ansichtenund würdiger Besonnenheit nachtheilig wirken mochten. Nach dem Schlüsse derStändeversammlungwerpflanzte auch Wirth seine Zeitschrift „Die deutsche Tri-büne" nach Rheinbaiern, wo sie durch die bestehende Provinzialgesetzgebung gegendie Einschreitungen der Zeitungspolizei sich mehr Schutz versprechen zu könnenschien als in Altbaiern, und überhaupt ein empfänglicherer Sinn für freiinüthigeOpposition erwartet werden konnte. Die Funken zündeten, zumal da auch dieTheurung der ersten Lebensbedürfnisse dazu beitrug, das Misbehagen des Volkszu erhöhen. Der Bundestag verbot Siebenpfeisser's und Wirth's Zeitschriften.Die Regierungsbehörden schritten ein, und es traten alsbald Flugschriften undMaueranschläge hervor, welche einen kühnen Tadel der Verwaltungsgrundsatzeaussprachen und zum Widerstande reizten. In Zweibrücken bildete sich ein Ccn-tralverein zur Unterstützung der freien Presse, welcher bald in mehre Gegenden dessüdlichen und westlichen Deutschlands seine Äste ausstreckte und selbst in norddeut-schen Landern Zweige hatte, ja unter den Augen des Bundestags bestand inFrankfurt am Main eine ähnliche Genossenschaft, die öffentliche Sitzungen hielt.Es wurden Beitrage für die Zwecke dieser Vereine gesammelt, welche besondersauch für die Verbreitung freisinniger Zeitungen und Flugschriften wirkten, die zumTheil durch Boten versendet wurden. Erscheinungen dieser Art waren neu und