310 Gymnasialwesen
Religion, welche Geist und Wahrheit ist, durch Kenntniß der Geschichte und derFortschritte wie der Jrrthümer der Menschen aller Zeiten dem Verstand unddem Gemüth der Jugend auf gleiche Weise als das Ziel aller geistigen Vollkom-menheit und als das Bedürfniß alles geistigen Lebens eingepflanzt. Der Fleiß !wird nun immer weniger der eignen Wahl nach Laune und Willkür überlasten' IGewöhnung an bestimmte, regelmäßige Thätigkeit und strenger Gehorsam gegenjede Vorschrift der Sitte und Arbeit ist Denen am nöthigsten, welche einst Anden iführen, belehren, regieren wollen, weil, wer nicht gehorchen gelernt hat, nie be-fehlen lernt. Der Frohsinn aber kann nur da sein, wo in einem gesunden Kor-per ein gesunder Geist wohnt. Die neue Zeit und ihre Erziehung verschmähtmönchische Abtödtung des Körpers, und ungeregelte und einseitige Geistesthätig-keit ohne Berücksichtigung oder zum Schaden des Körpers. Rousseau, Basedow,Salzmann, Campe, GutsMuths, und Alle, welche man die philanthropischenErzieher genennt hat, haben wesentlich dazu beigetragen, daß man der Naturihre Rechte wiedergab, und nicht nur nöthige Bewegung, sondern auch Übungdes Körpers zu Gewandtheit und Kraft gleichfalls zu einem Haupttheil der Ge-lehrtenerziehung macht. Die Turnkunst überschritt eine Zeitlang durch Veranlassun-gen, welche in der Zeit und ihren Ereignissen lagen, die richtigen Grenzen, welcheihr Zweck, körperliche Übung der Jugend, bestimmen sollte; durch Überschätzungder physischen Kraft bedrohte sie das höhere Werk der Geistesbildung, und trugAnsichten der bürgerlichen Verhältnisse in die Schulen ein, die da und dort An-maßung, Rohheit und ungeordnetes Selbstvertrauen erzeugten und die Regierun-gen, durch manche ungünstige Erscheinung bedenklich gemacht, veranlagen, sieweniger als zuvor zu begünstigen oder sogar zu unterdrücken. Aber das wahr-haft Vernünftige besteht auch bei dem Misbrauche Einzelner; allmälig findetman sich wieder in die rechten Schranken. So ist es gekommen, daß man die !anfänglich über alles Maß gepriesenen, dann zu rasch verbotenen Turnübungen,wenn auch unter dem einfachen Namen der Leibesübungen, wieder in ihrer wah-ren Nützlichkeit anerkannt und befördert hat. Die ersten Anstalten des preußischenStaats haben sie zweckmäßig wiederhergestellt; die Schriften von Föhlisch: „Überdie Nothwendigkeit der Gymnastik aus dem Standpunkt der Humanitätsbildung" j(Wertheim 1815 und 1817), und von Strauß: „Über die Nothwendigkeit geord-neter Leibesübungen für die Gelehrtenschulen" (Erfurt 1829), fanden gerechteBilligung; und das preußische Ministerium würdigte die gymnastische Üdungs-anstalt in Magdeburg einer öffentlichen Belobung.
Der Unterricht der Gymnasien hat die wissenschaftliche Ausbildung zumEndzweck, aber ohne einen besondern Stand, des Theologen, des Rechtsgelchr-ten, des Arztes u. dergl. zu berücksichtigen. Es fragt sich daher: welche Mittelgeben dem menschlichen Geiste die Tüchtigkeit, die höhern Aufgaben des geistigenStrebens und der geistigen Thätigkeit im künftigen Leben glücklich verfolgen undlösen zu können? Die Geschichte und die Erfahrung so vieler Jahrhunderte führtvon selbst zu den ersten Lehrmeistern der Völker, zu den Griechen und Römernzurück, deren Leben freier von dem Zwange und den Schranken kleinlicher Ver-hältnisse und in willkürlichen Unterschieden der bürgerlichen Gesellschaft weniger ibefangen als das unserige war, deren Sprachen sich bei der schönsten menschli-chen Organisation und unter den vortheilhaftesten Begünstigungen des Himmels-striches und der äußern Lage zu logischer Richtigkeit, vielfältiger Gewandtheit undformeller Schönheit ausbildeten, und deren geistvolle Lebendigkeit z i freier Aus-übung und kunstgemäßer Regelung jeder Wissenschaft und Kunst den Grund legte.Alle Sprachen, Kenntnisse, Fertigkeiten, Einrichtungen der neuern Völker be-ruhen auf der großen Erbschaft des Alterthums; sie sind nur nach den besondernVerhältnissen jedes Volkes weiter ausgebildet, zu verschiedenen neu entstandenen