Griechenland 269
seien oder nicht, in Freiheit setzte, ihnen aber doch das Recht benahm, auf irgendeinen Kostenersatz oder sonstige Entschädigung etwaige Ansprüche zu erheben. Der-gleichen unleugbare Thatsachen beweisen genugsam, welche Willkür bei richterlichenEntscheidungen in minder wichtigen Sachen stattfinden mochte, sobald die Inter-essen der Regierung oder die Person des Präsidenten dabei nur einigermaßen insSpiel kamen.
Überhaupt war es wol das sicherste Zeichen der von Tag zu Tag mehr abster-benden innern Kraft der Regierung, daß man zuletzt die Strenge äußerer Formenund den blendenden Glanz der Herrschaft als die kräftigsten Stützen wankenderGewalt gebrauchen zu müssen schien. Wir rechnen hierzu z. B. die kleinliche Wich-tigkeit, mit welcher namentlich im Jan. 183!. die allgemeine festliche Verherr-lichung des Namenstages und des Jahreswechsels der Ankunft des Präsidentenvon den ihm ergebenen Provinzialbeamten geboten und betrieben wurde. Die er-zwungene Freude einiger aus besonderm Interesse eifrigen AnHanger des herrschen-den und immer schroffer hervortretenden Gewaltsystems stand mit der dumpfenStimmung, welche damals schon als Vorbote unseliger Zukunft durch das ganzeLand ging, im grellsten Widerspruche. Anstatt der erwarteten Freudenbezei-gungen hörte man an vielen Orten nur die bittersten Klagen über unrechtmäßigeEingriffe der Regierung in die durch Verjährung geheiligten Rechte einzelnerStaatsbürger, über Vernichtung der Municipalverfassung durch eigenmächtigeund ungesetzliche Wahl der Demogeronten von Seiten des Präsidenten und derVollstrecker seines Willens, ja selbst über offenbare Verletzung der Constitutionen,nach denen der Präsident sich eidlich verpflichtet habe den Staat zu regieren und zuverwalten. Es würde sehr wenig dazu beitragen, das Verständniß des Folgendenzu erleichtern, wenn wir die Beschwerden, welche in dieser Weise in allen TheilenGriechenlands mit mehr oder weniger Grund geführt wurden, weiter ins Einzelneverfolgen wollten. Vielmehr kommt es uns darauf an, als leitende Idee überhauptdie traurige Wahrheit festzuhalten, daß die Verhältnisse in Griechenland bereits zuAnfange des Jahres 183 t. sich so gestaltet hatten, daß eine Ausgleichung, ge-schweige denn eine Vereinigung, der sich feindlich berührenden Interessen und Ele-mente nicht mehr möglich war. Begründete im Volke die einmal herrschend ge-wordene Meinung, daß die Regierung das Wohl, die Freiheit und die Rechte derNation mit berechneter Despotie zu vernichten suche, die nothwendige Überzeu-gung, daß Heil und Rettung nur durch unablässigen Widerstand erlangt werdenkönne, so gebot auf der andern Seite gewissermaßen die Pflicht der Selbsterhaltimg,welcher man in der politischen Welt so gut als in der physischen und moralischenihre Geltung lassen mag, der Regierung die Verfolgung eines Systems, ohne wel-ches ihr fernerer Bestand, ihr ganzes Dasein kaum mehr denkbar zu sein schien.Diese Gegensätze waren durch Thatsachen schon so bestimmt ausgesprochen undcharakterisirt, daß es sich eigentlich um weiter nichts mehr handeln konnte, als umdie factische Lösung der Frage, wer in dem unvermeidlichen Entscheidungskampfeden Sieg davontragen werde. Im Wesentlichen glich daher dieser Kampf allendenen, welche in den letztversiossenen Jahren auch anderwärts um Knechtschaftund Freiheit im edelsten Sinne, aber nicht mit gleich glücklichem Ausgange, ge-kämpft wurden; wenn wir ihn aber in seinen Eigenthümlichkeiten und nach sei-nen Hauptmomenten weiter verfolgen, so liegt es ganz außer unserm Kreise, hiernaher zu erörtern, wie weit Griechenlands jüngstes Unglück in Kapodistrias' per-sönlichem Charakter begründet war, wie sehr es durch seine Schuld beschleunigtwurde, und ob er unbewußt sich selbst über seine Stellung, Andere über seinePlane und Zwecke, ja über die wahre Lage der Dinge absichtlich täuschte. *)
*) Wir halten es für angemessen, hierüber einige Bemerkungen an die persön-liche Schilderung des Präsidenten unter dem Artikel Kapodistrias zu kau-