200 Göttingen im Jahre 1831
lich oder doch großenteils übersehen. Inwiefern ein allgemein verbreitetes Ge-rücht, man habe vergeblich von Seiten der akademischen Behörden zu Hanoverum Vcrhaltungsbesehle bei den zu befürchtenden Unruhen gebeten, sei aber ohneAntwort gelassen worden, gegründet sei oder nicht, mag dahingestellt bleiben-widerlegt ist dasselbe nicht. Au gleicher Aeit erfolgten zu Osterode die ersten Be!wezungen, als deren Urheber und Veranlasser die Doctoren König und Freitaggenannt wurden, indem dort zum Behuf einer zu entwerfenden Bittschrift an denKönig, um befürchteten Unruhen vorzubeugen, eine Bürgergarde sich zu bilden an.gefangen. Statt aber, was wol leicht gewesen wäre, durch einige besänftigendeWorte diesen Ordnungswidrigkeiten, wobei übrigens nicht die mindeste Ausschwei-fang vorgefallen war, ein Ende zu machen, ward auf Befehl von Hanover der Land-drost Nieper mit bewaffneter Macht alsbald nach Osterode gesandt, und wiewslauch nicht entfernt Widersetzlichkeit sich zeigte, wurden dennoch König, obgleich erkrank war, und Freitag verhaftet und gefangen nach Hanover und von dort nachCelle abgeführt, wo Beide nun seitdem im Kerker schmachten.
Während so mit einer nach dem allgemeinen Urthcile durchaus unnöthigenund übertriebenen Strenge die Bewegung zu Osterode unterdrückt wurde, warauch die Gährung zu Göttingen zum Ausbruche gekommen. In der Mittags-stunde des 8. Januars 1881, an einem Sonnabend während des Jahrmarkts,begaben sich etwa zehn Studenten und Bürger, an ihrer Spitze der Kanzleiprocu-rator Doctor Eggeling und der Doctor Seidensticker der Ältere, sowie die juristischenPrivatdocenten Schuster, von Rauschenplatt und Ahrens, bewaffnet auf dasRathhaus, wo die Polizeicommisft'on versammelt war, aber alsbald, obne daßjedoch irgendeine Thatlichkeit gegen sie verübt worden wäre, wiewol der Polizei-commissair Dr. Westphal sich durch sein rauhes Betragen schon früher allgemeinverhaßt gemacht, auseinanderging. Daß durch ein festes, entschlossenes Betra-gen der Mitglieder der Polizeicommission, sowie durch ein rasches Handeln vor-nehmlich von Seiten der akademischen Behörden und der Professoren die Ordnunghatte wiederhergestellt, namentlich der unmittelbar daraus erfolgte Beitritt derStudirenden hätte verhindert werden können, daran mag wol kein Augenzeugejener Vorfälle zweifeln; daß es ab-r nicht geschah, kann Derjenige leicht begreifen,der etwas genauer mit den Verhältnissen bekannt ist. Die städtischen Behördenbestanden theils aus alten abgelebten Männern, theils aus solchen, die längst allePopularität verloren hatten; dem Vorsitzenden der Polizeicommisfion aber, einemManne, dem es bei beschränkten Talenten nichtsdestoweniger gelungen war, durchVerbindungen und Connexionen, dem großen Triebrade zu Hano-ver, sowie durchäußerliche Dienstbeflissenheit sich einen bedeutenden Einfluß zu verschassen, gebraches durchaus an der erfoderlichen Entschlossenheit und Kraft des Charakters, umauf eigne Gefahr hin entscheidende Schritte zu thun. Die übrigen Professorenaber waren seit langer Zeit gewohnt, sich alles genauem Umganges mit den Stu-direnden sorgfältig zu enthalten; ein Verfahren, das, so unzweckmäßig und un-passend es auch erscheinen mußte, dennoch zu Hanover Beifall fand. Wäre einesolche Trennung und Abgeschiedenheit zwischen Studenten und Professoren nichtgewesen, so würde es ein Leichtes für diese gewesen sein, in kürzester Aeit einen
(Leipzig 1s3l), behauptet wird, an die Errichtung einer Bürgergarde habe Nie-mand gedacht, so kann dagegen nicht unerwähnt bleiben, daß bereits 14 Tage vordem erfolgten Ausbruche, als die Bewegungen in Kassel eine Neaction befürchtenließen, nach der Versicherung des damaligen Polizcidirectors 15V rechtliche Bürgerinsgeheim angewiesen worden waren, sich bei ausbrechenden Unruhen bewaffnet aufden bestimmten Allarmplatzen zu versammeln. Da man es durchaus vergessen, die-sen Männern eine bestimmte Organisation zu ertheilen, so ward dadurch nur duUnordnung vermehrt und die allgemeine Verbreitung dcs Aufruhrs befördert.