198 . Göttmgen im Jahre 1831
der Aufregung hinzuweisen: wie in ganz Europa allmalig Unzufriedenheit undSpannung unter den Massen der Völker entstanden sind, eine Folge der unerfülltgebliebenen Hoffnungen und Erwartungen, der nicht gehaltenen Verheißungenund Versprechungen, der fast in allen Ländern aufs Neue um sich greifenden undimmer anmaßender hervortretenden Aristokratie; wie dann die Juliusrevolutiondie Aufregung noch mehr befördert, indem sie den Völkern ein Beispiel gezeigt,wie sie selbst sich des unerträglich gewordenen Druckes durch einen kräftigen, raschenEntschluß zu entledigen vermöchten und wie sie sehr natürlich bei der geographi-schen Lage beider Länder und der zwischen beiden Nationen bestehenden lebhaftenWechselwirkung zunächst auf Deutschland zurückwirkte. Daß diese allgemeinenGründe auch auf das hanöverische Land, daß sie vorzüglich auf die südlichen Pro-vinzen desselben zurückwirkten, ist um so weniger zu verwundern, als in dem Nach-barlande Hessen bald die langverhaltene Gährung zum Ausbruche kam und eineVeränderung herbeiführte, welche, wie man leicht erkannte, die gesummten Ver-hältnisse des Landes in den wesentlichsten Punkten neu gestalten werde. Je größeraber die Hoffnungen und Erwartungen waren, welche sowol in Hessen selbst alsauch in dem benachbarten Hanöverischen durch jene Umwandlung und Umgestal-tung erregt wurden, um so weniger war es zu verwundern, wenn auch in demletztern bald ähnliche Bewegungen zum Ausbruche kamen. Seit längerer Zeitward das Königreich Hanover durch mancherlei Übel und Gebrechen bedrück;Übel und Gebrechen, die zwar zum Theil weniger bekannt geworden waren, weilwol in keinem deutschen Lande in gleichem Maße alle Publicität, zumal über dieeignen Angelegenheiten gehemmt, alle Preßfreiheit unterdrückt ward als in Ha-nover, die aber nichtsdestoweniger allgemein und tiefgefühlt wurden. Je wenigeraber die Klagen und Beschwerden laut werden durften, um so starker, wie es zugeschehen pflegt, wurde der Unmuth, und um so leichter mochte dann das Beispielder im Nachbarlande ergriffenen Maßregeln zu ähnlichen Versuchen verführen, jeweniger man eine Aussicht zu erblicken meinte, auf ordnungsmäßigem Wege Ab-hülfe jener Mängel und Beschwerden zu erlangen. Allerdings waren aber jeneKlagen und Beschwerden großentheilö gar wohl begründet, obgleich aus vcr-schiedenen Quellen geflossen; theils waren sie begründet in der eigenthümlichn,Verfassung und Verwaltung, in den besonder« politischen Verhältnissen und Ein-richtungen, theils waren sie veranlaßt durch natürliche und andere Einwirkungen,deren Hinwegräumung allerdings auch bei dem besten Willen nicht in der Handder Regierung gestanden hätte, und die jetzt um so weniger zu erwarten war, alses der Regierung, wenn auch nicht an gutem Willen, denn doch offenbar an Kraft,Thätigkeit und Einsicht gebrach, nachdrückliche und schnelle Hülfe zu gewähren.Bitterlich ward seit langer Zeit in Hanovcr über das starre, unbesonnene Festhaltenam Alten nicht nur, sondern auch an dem Veralteten geklagt, eine Folge desVorherrschens der Adelsaristokratie, die freilich nur in der Beibehaltung so man-cher alten Misbrauche und Gebrechen für ihre Vorrechte und ihre Privilegien Heilsehen mochte. Während rings umher, vor Allem in dem benachbarten Preußen,die regste Thätigkeit, die größte Empfänglichkeit für Verbesserungen aller Art sichkund gab, blieb dagegen in Hanover Alles in starrer Trägheit und bewegte sichAlles nach wie vor schwerfällig und mühsam in unpassenden, veralteten Formen.Wol hätte man vielleicht noch der Regierung das geringe Interesse verziehen, diegeringe Neigung für liberale Grundsatze und geistiges Leben verzeihen mögen, hattesie dagegen die materiellen Interessen gefördert und gehoben. Doch auch hier zeigtesich eine auffallende Unthätigkeit und vor Allem Mangel an Einsicht. Wol in keinemLande mochten so verkehrte, von der gröbsten Unkunde zeugende Maßregeln in Bezie-hung auf Handel und Gewerbe angetroffen werden als eben hier. Selbst der Ackerbau,wiewo! man laut äußerte, daß Hanover wesentlich ein ackerbautreibendes Land sei und