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Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
192
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194 Gottfried

sprach und ausdrückte, weckten seine Dramen vornehmlich den Sinn für feine bild-nerische Gestaltung, für die reinlichste Ausführung und klarste Ausprägung desInnern im Äußern, die hier fast nie ihren Anklang an die antike Plastik verleug-nete. So hat G. den wahren Kunstsinn in Deutschland gepflegt und entwickeltund es wird kein Einziger unter uns sein, der ihm nicht einen wesentlichen Thei!seiner Bildung verdanken wollte. — G.'s irdische Züge sind durch die berühmteBüste des französischen Bildhauers David, welche in der Halle der weimarischmBibliothek neben der Dannecker'schen Büste Schiller's aufgestellt ist, am treucstenund in geistreichster Auffassung der Nachwelt überliefert worden. Ihr Postamentzieren die folgenden Worte Schiller's, die wir als das trefflichste Motto zu G.'s Le-ben ebenfalls hierher setzen:

Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schonLiebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt,

Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset,

Und das Siegel der Macht Jeus' auf die Stirne gedrückt.

Der bekannte Kupferstich von Schwerdgeburth, der erst nach G.'s Tode ganzvollendet wurde, gibt des Meisters Antlitz in seiner letzten LebenSperiode treuwieder. (47)

Gottfried (Gesche Margaretha), geborene Timm, verehelicht gewesene Mil-tenberg, geboren zu Bremen am 6. Marz 1785, hingerichtet ebendaselbst durch dasSchwert am 21. April 1831, ein Gegenstück zu der Marquise von Vrinvilliers,welche am 17. Iul. 1676 zu Paris, und der Anna Margaretha Zwanziger, welcheam 17. Sept. 1811 zu Kulmbach in Baiern hingerichtet wurde. Sie hatte indem Zeiträume von 1813 — 28, wo sie verhaftet wurde, 14 Menschen durchGift wirklich um das Leben gebracht, und noch mehren Gift gegeben, ohne daß duTod erfolgt war, zum Thcil ohne einen bestimmten Beweggrund, sondern dem An-scheine nach aus bloßer Laune. Es ist allerdings für den Eriminalisten und denMenschenoeobachter eine höchst merkwürdige Erscheinung, wie sich in einem mensch-lichen Herzen selbst bei einer äußerlich sogenannten guten Erziehung eine solcheGeneigtheit zu schweren Verbrechen entwickeln kann, daß die geringsten Anlasse da-zu hinreichend sind. Das Räthsel löst sich aber, wenn man bedenkt, daß die mo-ralische Seite des Verbrechens dasselbe nicht so scharf von kleinern Vergehungenunterscheidet als die juridische. Nur in dem rechtlichen Urtheil darüber ist ein Un-terschied der Gattung nach zwischen dem Verbrechen, welches äußerlich strafbar ist,und zwischen der Unsittlichkeit, der Sünde, vorhanden, nicht aber in dem psycholo-gischen und moralischen, wo das Verbrechen auch keinen andern Charakter hat alsden, Ausdruck einer schlechten Gesinnung zu sein, und man zuweilen einem großenVerbrecher doch noch mehr moralischen Werth zuschreiben muß als einem Men-schen, welcher neben der tiefsten innern Verdorbenheit doch äußerlich eine vollkom-men gesetzliche Handlungsweise behauptet. Selbstsucht, Unwahrheit und Irreli-giosität kommen bei Vielen, welche als rechtlich gelten, in einem ebenso Ho-hen Grade vor als bei den gröbsten Verbrechern, und es ist oft nur Feigheit undEitelkeit, oder das Glück des Zufalls, welcher ihnen Versuchungen zu bürgerlichstrafbaren Thaten ersparte oder ihnen half, dieselben zu überwinde«. Ist aber ein-mal der Damm durchbrochen, welchen die Furcht vor der Schande und Strafe, aucheine natürliche Scheu vor äußerer Schuld, um das wirkliche Verbrechen gezogen hat,so wird ein jedes folgende immer leichter, wenn nicht der bessere Sinn in dem Ver-brecher erwacht. Dies wird am seltensten dann der Fall sein, wenn schon das ersteVerbrechen ein Werk kalter Überlegung war, und wenn der Charakter des Handeln-den jene tiefe innere Unwahrheit, jene Heuchelei gegen Andere und sich selbst ergrif-fen hat, zu welcher in früher Jugend durch strenge Gewöhnung zu äußerlicher Re-gelmäßigkeit ohne wahre gemüthliche Grundlage so oft der Keim gelegt wird. Dies