Göthe 191
sie hangt selbst ab von den ihr als Wahrheit geltenden Gesetzen, die sie auf alle Fallech anwenden muß., Leider aber hat sich diese Kritik, die bedingend über G. sichaussprechen wollte, fast nie von einer gewissen Leidenschaftlichkeit frei erhalten undselbst seine geistreichsten Gegner haben durch die Feindseligkeit, mit der sie aufgetre-ten, die Unbefangenheit ihres kritischen Standpunkts getrübt gezeigt. Die mach-tig eingreifende und unabweisbare Wirksamkeit der Göthe'schen Dichterindividua-litat bewahrte sich aber auch hier gewissermaßen im Negativen, denn wahrend erauf dieser seiner letzten Lebensstufe hinsichtlich seiner eignen Entwickelung nur nochji einer mehr beschaulichen Thatigkeit und Theilnahme sich widmete, welche auf diegi Literatur seiner Zeit wenigstens keinen bedeutsamen productiven Einfluß mehr zuy», üben vermochte, so brachte er doch noch durch die Polemik, welche seine StellungH zur Gegenwart aufs Neue veranlaßt hatte, eine Aufregung und Bewegung in derM Tagesliteratur hervor, die ihn fortwahrend als Mittelpunkt der deutschen Poesiech und als Angelstern der um ihn kreisenden literarischen Parteien erscheinen laßt,izi Die gegen G. erhobene Opposition begann eigentlich vorzugsweise mit einemBuche, das, obwol an sich höchst unbedeutend und talentlos, doch in dieser Bezie-H hung als tonangebend und ein noch immer nicht verschollenes Nachsummen er-^ weckend hervorgetreten ist. Wir meinen hier die sogenannten falschen „Wander-st jähre Wilhelm Meister's" (Quedlinburg 1821), in welchen zuerst ein einigerma-üx ßen systematisch angelegtes Gewebe von Ansichten und Meinungen, die G.'s Ei-^ genthümlichkeit als Mensch und Dichter in den Schatten stellen sollten, ans LichtK gesponnen wurde. Es war aber eigentlich nur das alte Verhältnis das die Ver-^ standesweisheit einer philisterhaften Moral gegen die Bildungen lebensvollerv Poesie von jeher in der Welt eingenommen hat, welches hier zu einer kritischen An-, klageacte gegen G. fummarisch zusammengefaßt wurde, und G. selbst konnte, aus dieser gegen ihn gerichteten Opposition unmöglich neue Aufschlüsse über sichund seine Bestrebungen gewinnen, denn er hatte dieselbe Opposition eigentlich auchschon in einer frühern Periode seines Lebens erfahren, nämlich damals, als Nicolaiund Consorten gegen die von Grazien getragene Lebensweisheit der Göthe'schen^ Poesie die Polemik ihrer Altklugheit erhoben. Jndeß hielt doch selbst Tieck die fal-schen „Wanderjahre" einer polemischen Erwähnung für Werth (in seiner Novelle^ „Die Verlobung"), und man kann nicht ableugnen, daß diese Schrift mit ihremP Standpunkt auch gar nicht einzeln und ununterstützt dasteht, sondern vielmehr in ei-^ ner bestimmten Richtung der Zeit wurzelt, nämlich in der weitverbreiteten Pietisterer^ und Prüderie, die freie Dichtergesi'nnung immer mit den Argen der Welt verwech-^ seit. Bedeutender und geistreicher trat Wolfgang Menzel in seinem Buche: „Diedeutsche Literatur" (Stuttgart 1828), als Kritiker G.'s auf, und man kann nicht^ leugnen, daß er wenigstens den Standpunkt der Ethik, wie er allerdings in dens Anfoderungen der heutigen Zeit beruht, und worin sich diese der Göthe'schen Lite-. raturperiode bereits in veränderter Richtung gegenübergestellt hat, siegreich geltend., zu machen gewußt. Es ist indeß merkwürdig, daß, während dieser Schriftsteller( es aus dem Standpunkt der Ethik her unternahm, eine Partei gegen G. in der' Zeit zu begründen, theils kurz vorher, theils gleichzeitig ein anderer Verehrer desDichters es versuchte, eben vom Standpunkte der Ethik aus ihn zu verherrlichenund die Verzweigung tiefsinniger ethischer Ideen, welche sich als leuchtend hinge-^ stellte Haltpunkte des menschlichen Daseins durch G.'s Werke hinziehen, in einemgewissermaßen cyclischen Zusammenhange daraus nachzuweisen. Dies ist K. E.^chubarth in seiner Schrift: „Zur Beurtheilung Gothe's" (2Thle., Breslaus 1820) und seinen „Vorlesungen über Gothe's Faust" (Berlin 1830). BeidenTheilen, Denen, die G. aus der Ethik verherrlichen, und Denen, die ihn aus der^-'lhik herabsetzen, möchten wir, selbst nachdem sie sich durcheinander ausgeglichen,doch noch den allgemein anerkannten Satz zu bedenken geben, wie wenig der ethische