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Göthe
lebten und allseitig genossenen Thatigkeit des Daseins folgend, kann wol ebensoglücklich genannt werden, als es sein auserwählt begünstigtes Leben selbst gewesenund wie allgemein auch unsere Trauer sein mag, daß Er, auf dem der Segen dadeutschen Muse ruhte und an dem die Liebe der Zeit ihren schönsten Gegenstandhatte, nicht mehr unter uns wandelt, so ist es doch mehr ein wohlthuenderSchmer,ein andachtiges Pathos, als ein erschütternd aufregendes, das bei diesem Benlust in allen Gemüthern entsteht, wie auch in Göthe'scher Poesie selbst weniger d?rSturmausbruch des Schmerzes, als die sinnig sich umgrenzende Wehmut!) stelzals die vorherrschende Richtung der Empfindung erscheint. Als Schiller stachplötzlich abscheidend aus der blühendsten Periode seines Lebens und StrebenS, gingeine Trauer, die fast an Leidenschaft grenzen mußte, zerreißend durch das Herz vonganz Deutschland hin, denn Jedem war eine Hoffnung mit ihm gestorben. AberG. hat seiner Zeit Alles gegeben, was er hatte und war, und so, nachdem ervollendet wie Wenige, gelebt, auf der Höhe des Menschlichen stehend, erfülltesich nun auch an ihm menschliches Schicksal in naturgemäßer Lösung dezDaseins.
G.'s Tod hat bereits eine zahlreiche Menge von Schriften, Gelegenheits-gedichten und Broschüren aller Art veranlaßt, die sich von den verschiedensten Sei-ten her in Betrachtungen über den hingeschiedenen Meister ergehen, aber eine seinerwürdige Todtenfeier ist bisher noch auf keine Weise ihm widerfahren, ja, es hat un-ter den über ihn laut gewordenen Stimmen sogar an feindlichen nicht gefehlt,welche G.'s Tod für den angemessensten Zeitpunkt hielten, um gehässige Ge-rüchte über seine persönlichen Verhaltnisse nachtraglich ins Publicum zu bringen.Aus all Diesem geht aber nur die merkwürdige Thatsache hervor, daß G., wiekaum je ein anderer Schriftsteller, so sehr zum Mittelpunkt der Zeit geworden, inder er gelebt, daß das Publicum sich selbst in die kleinste seiner Eigenthümlichkeitenzu versenken für Gewinn erachtet; und welchen Reichthum an AnschauungenG.'s Persönlichkeit selbst jetzt noch, nachdem er sie bereits in seinen Schriftenzur allgemeinen Kunde abgeprägt zu haben schien, immer von Neuem und unterneuen Gesichtspunkten zu gewahren vermag, beweist die bekannte Schrift von Falk'.„Göthe aus persönlichem nähern Umgange dargestellt" (Leipzig 1832), in dernoch mancher geheime und tiefliegende Zug dieses großartigsten aller Charaktere unsenthüllt wird. Aus demselben Grunde, aus seinem Reichthum und seiner Viel-seitigkeit nämlich, sind auch die Anfeindungen zu erklären, welche G.'s Charak-ter während seiner überall hin anregenden literarischen Lausbahn hier und dort zuerdulden gehabt, indem er, die verschiedensten Naturen verschiedenartig berührend,eben deshalb hier abstoßen mußte, während er dort anzog. Daher die verschiedenenPerioden der Anerkennung und Wirksamkeit, welche die Werke unseres Dichters inVerfolg der von ihnen durchschrittenen Zeitlauf? abwechselnd erlebt haben, und dieseMannichfaltigkeit des Urtheils über ihn scheint selbst mit der dritten Generationseines Lebens, deren unbegrenzte Liebe und enthusiastische Verehrung G. selbsteinmal als entschädigend für die ihm von frühem Zeitgenossen widerfahrene Unbillbezeichnet hat, bisher noch immer zu keinem endlichen Abschluß der Kritik über denHohenpriester der deutschen Muse gekommen zu sein. Im Gegentheil hatte sicb inder letzten Zeit im Verhältniß des kritischen Publicums zu G. wieder eine an-ders gestaltete Periode zu ihm herangewandt, nämlich die der Opposition, derenStimmführer des Dichters Ruhm auf ein gewisses endliches Maß zurückzufüh-ren und den absoluten Werth seiner Leistungen durch die Gewalt der kritischen Dia-lektik zu bedingen suchen. An und für sich wäre zur Rechtfertigung dieser Richtungallerdings zu sagen, daß die öffentliche Kritik in Kunst und Wissenschaft nicht inder Art Rücksicht auf Gefühle der Pietät nehmen kann, wie ein an die Nächsten-liebe gebundenes Urtheil in moralisch-gesellschaftlichen Lebensverhaltnissen, sondern
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