Druckschrift 
Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
117
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Friedrich Wilhelm (Kurprinz und Mitregent von Hessen) 117

Friedrich Wilhelm, Kurprinz und Mitregent von Hessen, geboren am20. Aug. 1802 zu Hanau, ist der einzige Sohn des Kurfürsten Wilhelm ll. vonHessen und seiner Gemahlin Auguste Friederike Christiane, Tochter des KönigsFriedrich Wilhelm II. von Preußen. Der Prinz genoß seit 1815 den Unterrichtdes jetzigen Professors Suabedissen zu Marburg, der ihn auch auf die UniversitätenMarburg und Leipzig begleitete. Als die Verbindung des Kurfürsten mit der GräfinReichenbach das friedliche Verhaltniß mit seiner Gemahlin gestört hatte, die ihrenAufenthalt im Auslande nahm, lebte der Prinz eine Zeitlang in der Nahe seiner Mut-ter, theils in Bonn, theils in Fulda. Er war wieder in Kassel, als im Sept. 1830 derAufstand ausbrach, und durch die freundlichen Zusicherungen, mit welchen er am15. September unter die aufgeregten Bürger trat, trug er dazu bei, heftigere Aus-brüche zu verhüten. Bald nachher ward er von seinem Vater nach Hanau geftndet,wo die Unzufriedenheit über die bestehenden Zolleinrichtungen drohende Bewegungenerregt hatte, und die Versicherungen, die er dem versammelten Volke gab, die Zu-sage der Abschaffung der verhaßten Zollgesetze und der Gewährung einer landftän-dischen Verfassung, bereiteten dem Aufrufe, den er am 28. September erließ, eineso günstige Aufnahme, daß die Ruhe bald hergestellt wurde. Der Kurfürst fühltesich indeß besonders durch die Erbitterung, welche gegen die Gräfin Reichen-bach herrschte, und durch die, von vielen Bürgern der Hauptstadt im November1830 ausgesprochene Bitte, der Gräfin die Rückkehr nach Hessen nicht zu ge-statten, so empfindlich verletzt, daß er bald nach der Bekanntmachung der neuenVerfassung sich entschloß, Kassel zu verlassen und seinen Aufenthalt feit demApril 1831 in Hanau zu nehmen. Vergebens baten ihn die Bürger der Haupt-stadt und die versammelten Stände, in ihre Mitte zurückzukehren, bis er endlich imSeptember den Standen seinen Entschluß erklärte, den Kurprinzen zum Mitregen-ren anzunehmen. Der Prinz, der während dieser Zeit in Fulda wohnte, hatteseit mehren Jahren eine Verbindung mit der Gattin des preußischen LieutenantsLehmann angeknüpft, welche von dem katholischen Glauben zur protestantischenKirche übergegangen war, um die beabsichtigte Scheidung ausführen zu können.Im August erklärte der Kurprinz, daß er mit ihr, die bereits den Namen Frau vonSchaumbucg angenommen hatte, eine morganatische Ehe eingegangen fei. Nachspätem Bekanntmachungen wurde sie zur Grasin von Schaumburg erhoben, mitder Bestimmung, daß die in dieser Ehe erzeugten Kinder den Namen Grafen undGräfinnen von Schaumburg führen sollten. Am 30. Sept. 1831 übertrug derKurfürst dem Prinzen die Mitregentschaft und, bis er wieder seinen bleibendenAufenthalt in der Hauptstadt nehmen würde, die alleinige Regierung. ImOctober hielt der Prinz seinen Einzug in Kassel und ihm folgte bald seine Gemahlin.Schien die glückliche Vermittelung, die der Prinz in der Zeit der heftigsten Aufre-gung übernommen hatte, ihn der Gunst des Volkes empfehlen zu können, so mußtedas gespannte Verhältniß zwischen ihm und seiner Mutter, welche mit der Ehe desPrinzen unzufrieden war und die Gräfin von Schaumburg nicht als die Gemahlinihres Sohnes anerkennen wollte, um so nachtheiliger auf die öffentliche Meinungwirken, je mehr das Volk an dem Schicksal der Fürstin, die seit 1831 wieder inKassel lebte, lebhaften Antheil genommen hatte. Der Prinz machte nach demAntritte der Regierung manche Einschränkungen in dem Hofhaushalte und schienum die Gunst des Volkes sich bewerben zu wollen, doch wendete er seine Sorgfaltbesonders dem Militairwesen zu. Die Gemüther waren bereits durch die Vereite-lung mancher Erwartung, die man von der neuen Regierung gehegt hatte, aufge-regt, als am 7. December gegen die zahlreich versammelten Bürger, welche der Kur-fürstin bei ihrer Rückkehr aus dem Schauspielhause einen Beweis ihrer Verehrunggeben wollten, die Besatzung einschritt und nach der ohne Veranlassung erfolgtenVerlesung des Aufruhrgesetzes Gewalt gebraucht wurde. Die Erbitterung über