92 Französische Literatur
dem seit der Wiedereinsetzung der Bourbons sich fast zehn verschiedene Auflagendieser beiden Antipoden der französischen Geistescultur, in den mannichfaltigstenFormaten und zum Bedarf der Reichen wie der Minderbegüterten mehr oder we-niger elegant ausgestattet, aufeinanderfolgten. Der plötzlich eingetretene Stillstandin den politischen Interessen, oder vielmehr die Erlahmung an denselben und die all-gemeine Unlust an der Gegenwart und nächsten Zukunft, schienen in der Stim-mung Frankreichs für den Augenblick eine um so lebhaftere Beschäftigung mitihrer literarischen Vergangenheit hervorgerufen zu haben. So erschienen auchmehre Ausgaben von Montesquieu's, Buffon's, Fontenelle's, Barthelemy's undMarmontel's Schriften; Vossuet's und Fenelon's bändereiche Werke wurden be-sonders auf Veranlassung der Geistlichkeit wieder neu aufgelegt, und Diderot er-schien jetzt zum ersten Male in einer vollständigen Ausgabe seiner Schriften. AuchRacine, Moliere und Lafontaine vervielfältigten sich wieder zahlreich in neuen Ab-drücken, besonders in den beliebt gewordenen einbändigen Gesammtausgaben, dieseitdem auch in andern Literaturen so häufig gangbar wurden.
Ein neues Streben und Regen in der productiven Literatur, das entwe-der aus den Zuständen der Gegenwart seinen Stoff entnahm oder einer Zukunftder französischen Literatur entgegenarbeitete, ging zuerst wieder von der dramati-schen und lyrischen Poesie vorzugsweise aus. Hier waren es vornehmlich dieElemente der Romantik auf der einen und die der politischen Satire auf derandern Seite, welche diesen neuen Ausschwung der französischen Poesie theils be-günstigten, theils zur Form desselben wurden. Als Koryphäen dieser neuen, freilichin sich noch kaum zu einer Klarheit und gediegenen Entwicklung gekommenenDichterschule sind vor Allen Lamartine und Victor Hugo zu nennen, denen sichbald eine große Anzahl gleichgestimmter Dichter, besonders Samte-Veuve, Alfredde Vigny, Alexandre Dumas u. A. zu verwandten Bestrebungen anschlössen. Ne-ben diesen begannen auch die in frühern Perioden der französischen Literatur undin andern politischen Stimmungen wurzelnden dramatischen Dichter, obwol durchdie romantische Schule gekreuzt, wieder rüstiger aufzutreten. Casimir Dela-vigne lieferte nach seinem 1829 zuerst in Paris mit großem Beifall gegebe-nen „Marino Falieri", einer fünfaktigen und in Versen geschriebenen Tragödie,seinen „I^ouis XI". Soumet, zwischen der klassischen und romantischen Schule,wie es scheint, schwankend, obwol der letztern dennoch entschiedener angehörend,machte sich vornehmlich durch seine beiden, mit vieler Begeisterung, aber auch nichtselten mit verworrenem Pathos geschriebenen Tragödien: „leunne 3'^.rc" und„8aul", bekannt. Für die Hauptbühnen von Paris waren Merville, Gosse, Lebrun,Mazeres, Melesville, Brazier, Ancelot, welche letztere auch für das Vaudeville-theater eine Reihe von Stücken höherer Gattung lieferten, die fruchtbarsten Thea-terdichter, obwol alle an Beweglichkeit des Talents noch zurückbleibend hinler derunerschöpflichen Feder Scribe's, der noch immer unermüdet ist, durch seine leicht,aber fast immer mit der besten Laune hingesprudelten Vaudevillcs, Komödienund Operntexte, die er theils allein, theils in Association mit andern, in seine Ma-nier eingelernten Dichtern verfaßt, sein Vermögen ebenso sehr als seinen Ruf zuvermehren. Scribe sammelte seine Theaterschristen in 8 Bänden (Paris 1828— 30) und deutete schon gewissermaßen durch den Titel, den er seiner Samm-lung gegeben: „IReütre Lcrille, Aetlle ke ses collirlioruteurs", jenesliterarische Associationssystcm seines Schaffens an, dem auch in der That nichtnur viele seiner Stücke ihre Mannichfaltigkeit verdanken, sondern wodurch auchseine ungemeine Fruchtbarkeit wenigstens begreiflich wird. Scribe kümmerte sichwenig um alle literarischen Parteien der Zeit, und nicht danach fragend, ob esklassisch oder romantisch sei, folgte er nur dem allgemeinen Lieblinge der Zeit, ei-ner gewissen eleganten Modesatire, der er alles Andere zum Opfer brachte. Allen