Druckschrift 
Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
91
Einzelbild herunterladen
 

lWhiy Französische Kunst der neuesten Zeit Französische Literatur 91

Französische Kunst der neuesten Zeit, siehe zu Ende desBandes.

Miib Französische Literatur. Die politische Aufregung der Zeitereignisse

ist der neuesten Literaturentwickelung in Frankreich nicht förderlich gewesen, undwenn auch die Statistik der französischen Presse in den letzten Jahren in extensiverHinsicht keineswegs ungünstige Resultate geliefert hat, so kann doch das Verhält-niß des intensiven Werthes der hervorgebrachten Leistungen dieser Periode keine li-terarische Bedeutsamkeit zusichern. An Kräften und Talenten hat es zwar auchnicht in der Literatur gefehlt, die ungeachtet des vulkanischen Bodens, auf dem siesich bewegen, im rastlosen Schassen sich versuchen, aber ihr Schassen nimmt sicheben von der Vulkanitat der Zeit etwas zur Folie, das von der literarischen Pro-ductivitat ausgeschlossen bleiben sollte. Wie es die Wandeloarkeit der Tagesstim-mung ist, der die französischen Zustande jetzt fast windfahnenartig anheimgefallenzu sein scheinen, so hat auch die Literatur in Frankreich angefangen, nur für dieStimmungen des Tages zu arbeiten und auf dauerndere Wirkungen Verzicht zuleisten. Es ist jedoch auch nicht zu leugnen, daß sie namentlich in der Poesie in die-sem ihrem Anschließen an die Politik und deren Parteikampfe manches Eigenthüm-liche und Treffliche einzeln hervorgerufen hat, aber im Allgemeinen ist kein be-stimmter Literaturcharakter ersichtlich, sondern Alles eilt, stürzt, tobt, schreit undschreibt hier und dort und durch einander, und drängt nach dieser und jener Rich-tung hin, ohne etwas Bestimmtes zu erstreben oder zu erreichen. Während diefranzösische Literatur-Aera des 16. und 17. Jahrhunderts das Hinstreben nach etwasPositivem, das Wurzeln der Gesinnung im Glauben und das pedantische Trachtennach der Classicität der Form charakterisict, während ferner die literarische Periodedes 18. Jahrhunderts durch eine gewisse philosophische Freigeisterei in ihren Haupt-erscheinungen sehr genau bezeichnet wird, fehlt es dagegen der heutigen ganz an ei-nem solchen Grundtypus, wenn man nicht eben den Charakter der Erregtheit undGereiztheit, der Spannung auf die Zukunft und des Erwartens einer großen undentscheidenden Wendung aller Zustände, von denen sich überall die Spuren zeigen,dafür nehmen will. Die französische Literatur scheint in der That heutzutage aufeinem Wende- und Übergangspunkte begriffen, welcher sich in der Poesie durch dieBewegungen der Romantiker und Classiker (s. Romanticismus) vielver-sprechend genug angekündigt hat, doch sind es diesmal nicht eigne und nationelleStoffe, welche die gährenden Elemente in Wissenschaft und Kunst der Franzosenbilden, sondern die immer ausgebreitetere Aufnahme und Aneignung der Reichthü-mer des Auslandes, besonders aber des deutschen Geistes, setzt dies freilich noch ansich verwircungsvolle und höchst phantastische Ringen nach einer neuen und um-fassendem Literaturbildung in Bewegung; und während die Dichter durch Nach-,2sN ahmerei der gemüthlichen, phantasiereichen und humoristischen Schreibart derM deutschen Schriftsteller in eine gewisse konvulsivische Manier gerathen sind, wah-rend sie außerdem noch nicht umhinkönnen, das Angeeignete und Nachgeahmtewiederum mit der nationellen Politik und Parteifarbe des Tages zu schmücken, umihm Eingang zu verschaffen, tritt, um die Verwirrung des Literaturzustandes voll-ständig zu machen, noch die St.-Simonistische Schule hinzu, durch ihr religiös-po-litisch-philosophisches System eine Umwälzung und Vermischung aller Verhältnisseder Intelligenz, Cultur und Industrie erzweckend.

Die Zeit unmittelbar nach der Restauration hatte der französischen Literaturwenigstens den Charakter einer ungemeinen Regsamkeit des Verkehrs mitgetheilt,und es bezeichnet sich diese Periode vorzüglich durch das häusige Sammeln und Ab-drucken der Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts, besonders aus der damaligensogenannten philosophischen Schule. Unter Napoleon war fast gar keine neueAuflage von den zahlreichen Werken Rousseau's und Voltaire's erschienen, wah-