74 Frankreich seit dem Jahre 1829
St.-Antoine und Poisonniere. Endlich ließ die Regierung Kanonen aufführen,und ein Theil der Vorstadt St.-Antoine ward erobert; die andere Vorstadt unter-warf sich. Jndeß dauerte der Kampf auf einzelnen Punkten noch fort; nament-lich bei der Pforte St.-Martin, bis gegen Abend von 8 bis 10 Uhr beide Theilesich zurückzogen. Die Rebellen verschanzten sich in großen Gebäuden bei derSt.-Marienkirche. Am folgenden Tage (6. Zun.) halb 5 Uhr Morgens ent-brannte der Kampf aufs Neue in der Straße Montmartre und bei jener Kirche.Der Ruf: Es lebe die Republik! war die Losung der Verzweiflung, mit welcherungefähr tausend Insurgenten vier Verschanzungen aufs Hartnäckigste gegen denAngriff der Linientruppcn vertheidigten. Das Geschütz entschied, und der Gene-ral Tiburce Sebastiani erstürmte die letzte Verschanzung in der Straße St.-Mar-tin, *) Nach 6 Uhr Abends hörte der Kampf auf. Der König war schon am 5.mit seiner Familie (mit Ausnahme des Herzogs von Orleans, der eben eine Reiseim Süden machte) von St.-Cloud nach Paris geeilt. Er stieg sogleich zu Pferdeund durchritt die Straßen, wo der Aufruhr tobte. Als man schrie: Weg mit LouisPhilipp! näherte er sich einer Gruppe und fragte: „Wer hat etwas gegen mich ?Er trete hervor; ich will ihn anhören!" Diese Ruhe des Königs und seine An-reden begeisterten das Volk. Der Ruf: Es lebe der König! Nieder mit den Kar-listen! erhob sich allgemein, und die Nationalgarde sprach am 5. laut das Verlan-gen aus, daß Paris in Belagerungszustand versetzt werde. Denselben Gleichmuthbewies der König in der Unterredung, welche er am 6. Jun. während des Aufftan-des um 4 Uhr Nachmittags mit den Deputirten der Opposition, Arago, Lafsi'tteund Odilon-Barrot hatte. Odilon-Barrot stellte ihm vor, wie Sarrans erzählt, daßdas System vom 13. Marz die Erbitterung und den Haß, und dadurch den Bür-gerkrieg herbeigeführt habe; er beschwor ihn, dem Blutvergießen Einhalt zu thunund durch die Rückkehr zu den Principien der Revolution neuem Zwiespalts vorzu-beugen. Der König erwiderte, daß er verwegen von feinen Feinden angegriffenworden und in dem Rechte der Vertheidigungffei; daß er nicht wisse, was man un-ter den nicht gehaltenen Juliusversprechungen meine; daß er dem Lande so vieleund mehr republikanische Einrichtungen gegeben habe, als er versprochen; daß dasProgramm des Stadthauses nur in dem Kopfe des Herrn von Lafayette existire *);daß das System des 13. Mär; nicht Perier, sondern ihm, dem Könige, angehöre,und daß es ihm leid thue, ihnen erklären zu müssen, daß er darin keine Änderungvornehmen werde.
In dem Ministerrathe, welcher an demselben Abend gehalten wurde, er-neuerte man den Vorschlag, Paris in Belagerungszustand zu erklären, so drin-gend, daß der König, welcher denselben am 5. und am 6. früh zurückgewiesen hatte,endlich nachgab. Man berief sich unter andern auch auf Napoleons Decret vomt?4. Dec. 1811. Die Ordonnanz des Belagerungszustandes vom 6. Jun. wurdeam 7. Jun. bekannt gemacht; zugleich erfolgte die Schließung der polytechnischenund der Veterinairschule. Auch das Artillericorps der pariser Nationalgarde wurde
') Die Kirche St-Mery ist, wie es anfangs allgemein hieß, weder von den Re-publikanern besetzt, noch von den Truppen eingenommen worden; w-ol aber hat-ten in dem sogenannten Kloster St.-Mery die Sectionnairs hartnackig gekämpft.
*) Schon in der Sitzung vom 31. März 1331 hatte Viennet, Deputirter vomCentrum, gezeigt, daß das Programm vom Rathhause, das zum Vorwande tägli-cher Angriffe gegen die Mehrheit der Deputirtenkammer diene, nichts Anderes seials die Proclamation der Deputirtenkammer vom 31. Jul., die sie dem Herzogevon Orleans überreichten, und daß alle Versprechungen derselben in vollem Maßevon der Kammer erfüllt worden seien, nämlich Theilnahme der Bürger an denWahlen der Municipalbehörden, und der Nationalgarden an der Wahl ihrer Of-fiziere, Sicherstellung des Looses der Militairpersonen, Jury für Preßvergehen,u. f. w.