Druckschrift 
Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
71
Einzelbild herunterladen
 

Frankreich seit dem Jahre 1829

71

niger Aussehen machte ein Brief Odilon-Barrot's vom 27. April 1832, dener an den Deputirten von der Opposition, Herrn Köchlin, schrieb. Er stellt indiesem Schreiben die beiden Systeme dar, welche gegenwartig Frankreich thei-len, und setzt das der Opposition dem andern entgegen, welches Thiers in seinerSchrift vertheidigt hat. Die Einen, sagt Odilon-Barrot, wollen die Ideender Restauration fortsetzen; sie nehmen die Tractate, die Centralisation und dieVerschwendung derselben an. Sie halten die in der Charte von 1814 gemach-ten Modifikationen: die Nationalgarde, die Emancipation der Municipalitätcn,die Anwendung der Jury auf Preßvergehen, für unheilbringende Concessionen;sie wünschen die Erblichkeit der Pairie wiederherzustellen, als ein nöthiges Ele-ment der Monarchie. Sie nahmen mit dem Verwaltungssysteme der Restaura-tion auch das Finanzsystem derselben an; also dieselbe Quotität, dieselbe Anord-nung der Auflagen, die Begünstigung der Börse und der großen Grundeigenthü-mer; sie entfernen von den Stellen die Manner, welche die Revolution gemachthaben; sie schonen die Karlisten und'sind streng gegen die exaltirten jungen Patrio-ten. In Beziehung auf die auswärtigen Verhältnisse rügte dieser Stimmfüh-rer der Opposition in demselben Schreiben, daß Frankreich die Tractate von1815 angenommen, und daß die Regierung ihr Bedauern über alle Ereig-nisse, welche den stutus <^10 der Restauration verändert hätten, ausgesprochenhabe; daher sei Polen aufgeopfert worden, daher habe sich die Intervention inItalien zum Vortheil des Papstes gewendet, daher die harten Maßregeln gegendie geflüchteten Patrioten: kurz, die Regierung vom 13. März wolle die Restau-ration unter dem Schatten des Bürgerkönigs und der dreifarbigen Fahne ret-ten. Die Männer der Regierung schildert Odilon-Barrot im Wesentlichen so:Die Einen, in der englischen Schule der Frau von Stael geboren, sehen die aristokra-tischen Institutionen Großbritanniens als den Typus der größtmöglichen Perfecti-bilität im Fache der Regierung an; die Andern, aufgewachsen in der kaiserlichenSchule, glauben nur an die materielle Kraft der Bayonnette, an die Verführungdurch Ämter, sie haben aber dabei ein anderes Element der kaiserlichen Regierung,den Ruhm, vergessen; noch Andere fürchten Alles, was politische Bewegung ist;sie glauben sich nicht beschützt genug und finden daher niemals die Staatsgewaltzu stark. Die andere Partei, sagt Odilon-Barrot, findet kein Heilmittelfür Frankreichs kritische Lage, als in einer Revolution, welche Napoleon II.oder die Republik ausrufe. *) Auch diese thut der Sache der Freiheit Schaden.Es ist gefährlich, ein Volk, das eben aus einer Revolution heraustritt, in dieNothwendigkeit einer neuen zu versetzen. Die unermeßliche Mehrheit der Nationbedarf der Ruhe, um zu arbeiten und um die Frucht ihrer Arbeit zu genießen.Odilon-Barrot gehört nicht zu dieser Partei; allein er glaubt, daß man dieneue Revolution vom Julius an die große Revolution von 1789 knüpfen müsse,doch mit Vermeidung ihrer Fehler, wohin Odilon-Barrot die eine Kammerrechnet. Er ist für zwei Kammern; allein gegen die Erblichkeit der Pairs-kammer, weil diese dann gleichsam die Restauration reprasentire, während dieWahlkammer die Revolution repräsentire, zwischen beiden also ein unnatürlicherConflict entstehe. Er verlangt vor Allem zuerst eine Organisation der Municipal-gewalten — und gerade diese hat man vertagt! Er verlangt keine Interven-tion, also auch keine Congresse, keine Conferenz; man solle die Völker undRegierungen Belgiens, der Schweiz, Italiens und Portugals sich selbst überlassen,

*) Seit dem Tode des Herzogs von Reichstadt (zu Schönbrunn, den 22. Jul.1832) gibt es in Frankreich nur zwei Hauptparteien: Bourbonisten und Republi-kaner; jene theilen sich in die der ältern Linie (Karlisten oder Henriquinquisten)und in die des Hauses Orleans. Die ehemaligen Bonapartisten sind größtentheilsRepublikaner geworden.