Druckschrift 
Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
69
Einzelbild herunterladen
 

Frankreich seit dem Jahre 1829

69

karrenanstalt, und am 4. April wurden sechs Unschuldige auf den Straßen ermor-det, weil man sie für Vergifter hielt, welche die Cholera verbreiteten. *) ÄhnlicheGreuel sielen an andern Orten in Frankreich vor.**) Während gleichzeitig kar-listische Unruhen im Süden und Westen von Frankreich den ruhigen Gang derVerwaltung störten, während der Druck der Abgaben in Strasburg und an an-dern Orten gewaltthätige Widersetzlichkeiten gegen die Behörden hervorbrachte,sodaß fast stets, weil die Nationalgarde entweder zu schwach war, oder nichtsthun wollte, oder selbst Theil nahm, die Truppen einschreiten mußten, ereignetesich etwas, wodurch ein großer Theil von Frankreich in Feuer und Flammen gesetztwurde; die Herzogin von Berri landete am 3t). April 1832 in Ciotat zwischenW Marseille und Toulon. Ein genuesisches Dampfschiff hatte sie aus Italien an die^ Küste des südlichen Frankreichs gebracht, wo ihre AnHanger sie erwarteten. Alleinder Versuch, einen allgemeinen Aufstand am 30. April in Marseille, Nismes undstkil anderwärts zu erregen, mislang; die Herzogin flüchtete, von ihren Anhängern ge-on A schützt, in die Vendee, wo der kleine Krieg, der seit einem Jahre schon hier die alteN Chouanerie zu erneuern drohte, jetzt ernsthafter als je wurde. Die Herzogin erließProklamationen und Befehle im Namen Heinrichs V., ihres Sohnes. Zwar zogenihre Anhänger im offenen Kampfe am 26. Mai bei Bierne und Chateau Gontierund im Jun. bei Vielle Vigne den Kürzern. Ihr Schloß Chaperinere wardmit Sturm genommen, das Schloß Penissi'ere verbrannt, und mehr als eine BandeChouans zerstreut. Allein den Parteihäuptern, Marquis von Coislin, Herzog d'Es-cars, Grafen Bourmont, Clouet und Andern, konnte man nicht auf die Spur kom-men. Die Unterbehörden waren nämlich zum Theil selbst Karlisten, zum Theilgegen den öffentlichen Zustand erbittert, weil sie sich unaufhörlich versetzt, oder ent-setzt, und in ihren Einkünften verkürzt sahen. Zu jeder Umänderung des Ganzengeneigt, unterstützten sie die Oberbehörden fast gar nicht oder arbeiteten ihnen ent-gegen. Zwei Generale, Bonnet und Solignac, die sich gegenseitig beschuldigten,wurden abgerufen. Die Regierung selbst wollte stets nur den gesetzlichen Gang gehenund keine Ausnahmmaßregeln ergreifen; daher kam es so weit, daß zuletzt dennoch (1.Jun. 1832) vier Departements (oder 1243 Communen mit 1,526,835 Einw.) inBelagerungszustand erklärt werden mußten. Mehre Häupter entkamen. DieEntwaffnung ging langsam von statten, und am Ende des August 1832 drohtedie Vendee von Neuem den Bandenkrieg mit Raub und Mord zu beginnen. Wäh-rend dieser Zeit soll die Herzogin in Frankreich geblieben sein und mit ihren bedeu-tenden Anhängern in Paris, z. B. mit Chateaubriand, Herzog von Fitz-James,'sonB Hybe de Neuville, Berryer und Andern stets in Verbindung gestanden haben.

Schon dieser Umstand beweist die Schwäche, wo nicht die Auslösung der Verwal-tt MÜ trmg. Und dennoch bewachten 30,000 Mann Truppen den Süden, 50,000^ Mann die Bretagne und die Vendee. Endlich im August 1832 beschloß der Ge-A neral Drouet d'Erlon, die Vendee durch mobile Colonnen zu unterwerfen, undl ^ die Gerichtshöfe bewiesen weniger Nachsicht bei der Verurtheilung der Rebellen.

In dieser allgemeinen Noth und Verwirrung entwickelte die Regierung einegroße Thätigkeit. Es gelang ihr, Paris wegen der Cholera durch die getroffenenGesundheitsmaßregeln zu beruhigen. Der König wies für die von der Choleraheimgesuchten Gemeinden über eine halbe Million Francs auf seine Civilliste anund sorgte auch sonst noch für die Hülfsanstalten. Die ganze königliche Familiezeigte die hülfreichste Theilnahme. Der Kronprinz besuchte in Begleitung Perier's

*) Freilich hatte die Polizei selbst bekannt gemacht, daß sie den Giftmischern aufder Spur sei.

**) Vom L6. Marz an, wo die Cholera in Paris ausgebrochen wau, starben,nach den Listen des statistischen Bureaus des Stadthauses, in Paris an dieser Seuchebis mit dem 31. August 17,973 Menschen.