68 Frankreich seit dem Jahre 1829
nicht gegen die Bourbons der altem Linie stimmen wollten. Alle diese Erpairswaren Feinde der Regierung und meistens Karlisten. Chateaubriand bekämpftedie Gültigkeit des neuen Thrones, inwiefern derselbe sich auf den Ausspruchdes souverainen Volks gründen sollte, mit allen Waffen seines Geistes in ei-ner Schrift, welche die Zahl der sogenannten Lcgitimisten sehr vermehrte. *)Aber auch in der nicht mehr erblichen Pairskammer zeigte sich noch im März1832 eine starke Opposition gegen die Regierung und gegen die Wahlkammer.Dieser Widerstand ging von der Partei der Lcgitimisten und zum Theil auch vondvr Partei der Restauration aus. Jene stand, etwa 15 bis 20 Mitgliederstark, unter der Leitung des Herzogs von Noailles; diese zahlte 30 bis 40Stimmen und stand unter der Leitung von Mounier und Portalis; sie schloß sichjedoch zuletzt dem neuen Königthum an und bekämpfte mehr die Beschlüsseder Deputirtenkammer als die Vorschläge der Regierung. Außer jenen beiden un-terschied man noch in der Pairskammer: die eigentliche Gouvernementspartei, wel-che mit Simeon, Roy und Andern stimmte; ferner die der Doctrinairs von 28bis 30 Stimmen, welche, unter der Leitung der Herzoge von Decazes und Broglie,dem gegenwärtigen Könige ergeben sind; endlich die sogenannte kaiserliche Parteivon 40 bis 50 Stimmen, die unter dem Herzog von Bassano und den Generalendes Kaisers Napoleon zuletzt gewöhnlich im Sinne von Perier's Ministeriumstimmte. Der kraftige und unerschütterliche Perier stützte nämlich das Gesetz beiso vielen und so kühnen Aufständen auf die bewaffnete Macht; darum hielt er aufdie Ehre des Militairs, welches gegen Meuterer kämpfte, und darum schloß sich diekaiserliche Partei an ihn an. Wir nennen jetzt einige von den unruhigen Bewe-gungen, welche auf den Meinungsproceß in der Wahlkammer zurückwirkten. Dienapoleonisch-republikanische oder karlistische Verschwörung, genannt nach denThürmen der Kirche Notre Dame, wo acht Personen Feuer anlegten und das Aei-chen mit der Sturmglocke geben wollten, eröffnete das unruhige Jahr am 4.Januar. Sie kam nicht zum Ausbruche, und nur drei Verdachtige wurden nacheiner langen Untersuchung am Ende des März mit Gefängniß und Geldbußen be-straft. Ernsthafter war das von Karlisten gemachte Complot in der Nacht zum2. Februar, genannt nach der Straße des Prouvaires, welches einen Überfall derTuilerien während eines Balles am Hofe bezwecken sollte, aber durch die Polizeiin dem Augenblicke des Ausbruchs und nicht ohne Blut erstickt wurde. Von 90Angeklagten kamen 56 in Haft, von denen im August 1832 der Assissenhof 6 zurDeportation und 23 zu Gefängnißstrafen verurtheilte. Da gleichzeitig die Re-publikaner in dem Club der Volksfreunde sich verdächtig gemacht hatten, so wurdedieser Verein aufgelöst, und die kwdeutendsten Mitglieder desselben, wie Raspail,Gervais, Cavaignac, Blaqui und Andere mehr verhaftet. Dann folgte am 12.März fg. der blutige Aufstand von Grenoble, Perier's Geburtsstadt, wo das Ver-bot eines Maskenzuges, der den Triumph des Budget vorstellte, die ganze Stadtin Aufruhr brachte, sodaß ein Regiment Linientruppen die Stadt verlassen mußte.AufPerier's Befehl kehrte das Regiment zurück; die Nationalgarde wurde aufgelöstund die Stadt entwaffnet. Als bald nachher, am Ende dieses Monats, in Paris dieCholera ausbrach, als viele auf der Redoute plötzlich erkrankte Masken in dasHotel-Dieu gebracht wurden und daselbst sogleich verschieden, kam Entsetzen überdie Pariser, und die Wuth des Pöbels zeigte sich in der furchtbarsten Rohheit. DieChissonniers, die vom Kehrichtsammeln lebten, empörtensich gegen dieReinigungs-
*) Diese Schrift erschien im Oct. 1831 bei Gelegenheit des Vricqueville'schen Vor-schlags über die Verbannung der Bourbons, unter dem Titel: ,,ve la nouvellePräposition relative au bannissewent üe Cbarles X et cie »a tamille, ou »uite <!emon äernier 6vrit: De 1a restauration st üe la monarekie Aeetive". Gegen sieschrieb Thiers seine schon erwähnte Schrift: „1-a monarebie üe 183V".