Druckschrift 
Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

Frankreich seit dem Jahre 1829

53

Todesstrafe an, worin sie Lafayette unterstützte. In Folge des Gesetzes vom 15.September mußte jeder Deputirte, der ein besoldetes Staatsamt annahm, sicheiner neuen Wahl unterwerfen. Überhaupt traten 125, nach einem provisori-schen Wahlsystem neugewählte Deputirte in die Kammer ein, um sie zu vervoll-standigen. Da der immer mehr einreißende Misbrauch der Presse alle Gewalten be-drohte, so ward nach des Grasen Simeon Vorschlag, ein Gesetz mit Anwendungder Geschworenen bei Preßvergehen und politischen Vergehen angenommen; alleindie Geschworenen sprachen oft aus Furcht vor den Parteien und Schriftstellern, wieder Generalprocurator Persil (am 29. Aug. 1832, in dem Preßprocesse des „Nu-tional") behauptete, die Angeklagten frei.

Von Seiten der Regierung geschah viel, um die Verwaltung der neuen Ord-nung gemäß einzurichten. Die davon unzertrennliche Veränderung in dem Per-sonale der Angestellten vermehrte aber nur die Zahl ihrer Feinde, und je allgemei-ner die Unsicherheit aller Lebensverhältnisse war, desto mehr verbreiteten sich Unzu-friedenheit und Unmuth. Von 75 Generaloffizieren wurden 65 durch die Anstel-lung Anderer aus dem Dienste entfernt; 39 Infanterie- und 26 Cavalerie-regimenter erhielten neue Obersten, und 31 wichtige Plätze neue Commandanten.Von 86 Prafecten wurden 76, von 277 Unterpräfecten 196, von 86 General-secretairen 53, von 315 Präfecturräthen 127 abgesetzt. In dem Finanzministe-rium gestattete die Ordnung des Dienstes die wenigsten Veränderungen; denn hierhäuften sich die Geschäfte mehr als je. Zu Bestreitung der außerordentlichen Aus-gaben des lausenden Jahres 1830 verlangte der Finanzminister einen Zuschußvon 67,490,000 Fr., wovon 55 Millionen auf die Expedition nach Algier ka-men, die man jedoch durch den Schatz des Exdey und die Beute von Algier (s. d.)zu decken hoffte. Das Ausgabebudget für 1830 war dadurch von 977 Mill. bisüber 1050 Mill. gestiegen. Was die Operationen des Schatzes sehr erschwerte,war die durch das erschütterte Vertrauen im Handel verursachte Entfernung derCapitalien vom Geldmarkte. Neue Ausgaben machte die Herstellung der Armeenöthig. Die Aushebung von 108,000 Mann im October erregte die Besorgnißeines Kriegs; allein Graf Mole erklärte schon am 6. Ott. 1830, daß ganz Eu-ropa die Erhaltung des Friedens wünsche und zusichere, wie Frankreich selbst ihnwünsche.

Gegen die Kühnheit der Clubs verfuhr die Regierung mit Kraft; sie warodarin von den Bürgern selbst unterstützt. Die Gesellschaft der Volksfreunde wurdeaufgelost, und die Gesellschaft „Hilf dir selbst" ging auseinander. Späterhin setz-ten aber beide auf eine weniger Aufsehen erregende Art ihre Verbindungen fort, bissie vor Kurzem wieder thätig auftraten. Einige Straßenaufläufe in Paris, worepublikanische Stimmen besonders von jungen Leuten sich vernehmen ließen, vor-züglich die bedeutenden Unruhen am 18. Ott. 1830, unterdrückte Guizot durchrasches Handeln mit dem Beistande der Nationalgarden.

Unterdessen gingen mit dem Ministerium selbst mehre Veränderungen vor.Die königliche Ordonnanz vom 2. November ernannte Lafsitte zum Präsidentendes Ministcrraths und zum Minister-Staatsfecretair im Finanzdepartement (stattdes Baron Louis); den Marschall Marquis Maison, Pair von Frankreich, zumMinister-Staatsfecretair der auswärtigen Angelegenheiten (statt des Gra-fen Mole); den Grafen Montalivet, Pair von Frankreich, statt Guizot, zumMinister des Innern; den Staatsrath Merilhou zum Minister des öffentli-chen Unterrichts und des Cultus (statt des Herzogs von Broglie). Es be-fanden sich demnach keine Minister ohne Portefeuille mehr im Conseil, sodaßPe'rier, Dupin der Ältere und Bignon aufhörten, Mitglieder desselben zu sein.Nun übergab Lafsitte der Kammer am 15. Nov. den Entwurf eines neuen Ab-gabensystems, nach welchem die bisherigen Ungleichheiten in der Besteuerung ver-