52 Frankreich seit dem Jahre 1829
Departements so unruhig, daß der König sich genöthigt sah, in einem tresslichenAufrufe am 15. August zur Ruhe zu ermahnen. Das wichtigste Geschäft der Ge-setzgebung und der innern Verwaltung war daher die Organisation der National-garden nach dem Gesetze von 1791; Lafayette wurde durch die königliche Ordon-nanz vom 16. Aug. 1830 zum Oberbefehlshaber aller Nationalgarden in Frankreichernannt, und bei der großen Musterung von 84,000 pariser Nationalgarden wardder Bürgerkönig mit Begeisterung begrüßt. Hiernächst wurden öffentliche Arbei-ten angeordnet und zu diesem Zwecke ein Credit von 5 Millionen eröffnet. Alleindie Angrisse der Presse erschütterten das Ministerium. Sie tadelte mit den hef-tigsten Ausdrücken die Ernennung des Grafen Mole zum Minister der auswärtigenAngelegenheiten, und die des Fürsten Talleyrand, der sein politisches System so oftgeändert habe, zum Botschafter in London; sie klagte über den Einfluß der Ban-quiers und der Geldaristokratie überhaupt auf das System der Regierung; sie ver-langte die Entlassung aller gegenwärtigen (nach der Charte inumovibles) Richter,weil sie karliftisch gesinnt wären; sie warf der Kammer vor, daß sie ihre Vollmach-ten überschritten und ohne Austrag die Verfassung umgebildet hätte; sie sah inder Absetzung aller von Karl X. ernannten Pairs (vergl. Juliusrevolu-tion) eine Verletzung eben der Chatte, deren Übertretung gerade die Revolu-tion veranlaßt habe; sie behauptete, alle die großen Veränderungen hatten nur alsprovisorische Maßregeln angenommen und der Entscheidung des Volks vorgelegtwerden sollen, sie verlangte daher eine gänzliche Erneuerung der Deputirtenkam-mer. Noch heftiger erhob sich die allgemeine Stimme gegen die Erblichkeit derPairs. Selbst der König ward nicht verschont. Man griff ihn persönlich durchCaricaturen und Spottlieder an. *) Auch der Proceß über das Testament des Prin-zen von Conde'-Bourbon (s. d.) verfolgte ihn bis in das Innere seines Hauses.
In derselben Zeit brach der Haß der Priester und der Karlisten gegen die neueOrdnung in Südfrankreich zu Cette, Montpellier, Nismes, in Unruhen aus, diedurch die Militärmacht unterdrückt werden mußten. Das Heer war der neuenRegierung ergeben; allein noch gab es in demselben viele karlistische Offiziere; da-zu kamen die königlichen Exgarden und die entlassene pariser Gendarmerie, an de-ren Stelle die königliche Ordonnanz vom 16. Augusts eine Municipalwache von1443 Mann errichtet hatte. Das neue Gesetz, kein Offizier könne ohne Richter-spruch außer Thätigkeit gesetzt werden, schützte viele Karlisten in dem Besitz ihrerOffizierstellen; daher gab es auch Militairunruhen in Metz, Nancy, Dijon und anandern Orten, wo die Soldaten eigenmächtig jene Offiziere ausstießen. Die hef-tigste Erbitterung aber zeigte sich gegen die vier verhafteten Erminister, Polignac,Chantelauze, Peyronnet und Guernon de Ranville. Nachdem sie in demSchlosse zu Vincennes von einer Commission der Deputirtenkammer verhört wor-den waren, beschloß die Kammer nach Salverte's Antrag am 29. Sept. die An-klage derselben auf Hochverrath. (S. Proceß der Exmin ister Karls X.)
Unterdessen hatten die Kammern von ihren Mitgliedern den Eid auf die neueOrdnung ablegen lassen; mehre Pairs und Deputirte verweigerten denselben undtraten aus; andere leisteten ihn nicht ohne Einwendungen und Clauseln. Die seit15 Jahren aus Frankreich verbannten Conventsmitglieder (re^icides) wurden aufLabbey de Pompieres' Vorschlag durch ein Gesetz zurückberufen; auf den Vorschlagder Pairskammer ward das Sacrilegiengesetz abgeschafft; man setzte Belohnun-gen und Pensionen für die in dem Juliuskampfe Verwundeten und für dieHinterlassenen der Gefallenen fest. Eine Commission beschäftigte sich mit derAbänderung des Wahlgesetzes. Lucas und de Tracy trugen auf Abschaffung der
*) Paris wird sich noch lange der Spottbilder Philippon's und seines Journalsvaricaturs" erinnern.