50 Frankreich seit dem Jahre 1829
lung Frankreichs in dem System der europaischen Großmachte erhalten; dazu ge-hörte aber unbedingt der Fortbestand der pariser und wiener Vertrage. Wahrendnun Graf Mole mit allen Machten um die Anerkennung der neuen Ordnung undder neuen Dynastie Frankreichs unterhandelte, band Frankreich sich selbst die Hände,indem jene Anerkennung des Thrones Ludwig Philipps nur unter der gegenseitigenAnnahme, daß der bisherige völkerrechtliche Austand von Europa nicht verändert wer-de, von Seiten der Congreßmächte erfolgte. England that dies zuerst u. General Bau-drand, Ludwig Philipps Abgesandter, hatte am 25. Aug. seine Antrittsaudienz imSt.-Jamespalaste; dann folgten Ostreich u. Preußen; Rußland zögerte am längsten.Diese Macht schien sogar auf den Fall eines Krieges sich gefaßt zu machen. Destolebhafter war die Zustimmung der Völker, und schon im August (25.) erhob sichBrüssel (s. Belgien) zu gleichem Beginnen; in Spanien, Italien, der Schweiz,Deutschland und Polen erwartete man ähnliche Bewegungen. Da nun die Cabi-nete anfangs noch zögerten, so wollten sich die Männer des Julius und der neuenDynastie mit den Völkern in Verbindung setzen, und bald umzrgen die Mitgliederder pariser Freiheitspropaganda alle Lander, wo jene Sympathie sich durch Unzu-friedenheit äußerte, mit einem revolutionnairen Netze. Dieser Propagandaclub warin Belgien, Italien und Polen thätig; auch bildete sich ein Eomite ciirecteur zurRevolutionirung Spaniens. Anfangs begünstigten selbst einige Minister die aus-wärtigen Jnsurrectionsentwürfe, um auf den Fall eines Krieges sich das Hülfs-mittel der Revolution zu sichern. Sarrans behauptet sogar, die Regierung habedie italienische und die spanische Propaganda mitgestiftet; auch hat Guizot eszugegeben, daß die constitutionnellen Spanier von der Regierung mit Passenund ansehnlichen Geldmitteln unterstützt worden waren; — nach erfolgter An-erkennung Ludwig Philipps von Seiten Ferdinands VII. aber habe der Minister,wie Sarrans versichert, jede Theilnahme an den Planen der Flüchtlinge aufgege-ben, und die ausgezahlten Summen bloße Unterstützungsgelder für Bedürftige ge-nannt. Die Sympathie der Völker sei also von Frankreich benutzt und verrathenworden!
Zuerst wurden die auswärtigen Verhältnisse mit Großbritannien herge-stellt, und der europaische Diplomat, Fürst Talleyrand, ging als Botschafter nachLondon, wo er die Stütze von Ludwig Philipps Thron wurde, indem er dasCabinet von St.-James mit Frankreichs Politik in Übereinstimmung brachte.Ludwig Philipp war endlich allgemein, nur nicht von dem Herzoge von Modenaanerkannt, und die französische Diplomatie trat in die gewohnten Verbindungenwieder ein, als von allen Seiten her durch die Aufregung der Völker und denUmstur; wichtiger, durch den Congreß zu Wien geordneter völkerrechtlicher Ver-hältnisse Ludwig Philipps Regierung in die gefährliche Lage gerieth, entweder mitden Machten oder mit den Völkern Europas, vor allen mit dem stolzen ?euple-roider französischen Nation zu zerfallen. Die Propaganda und alle Freunde derneuen Ordnung foderten laut den Beistand Frankreichs für die Sache Belgiens,wo das französische Staatsinteresse verlangte, daß der drohende Vorwall gegenFrankreichs Grenze gesprengt und ein verwandtes Volk in Frankreichs engemBund gezogen würde. Zugleich erblickten die Manner der Juliuswoche in derSympathie der Völker das Mittel, Frankreichs Würde, Einfluß und Macht nachAußen herzustellen, in der Schweiz und Italien, selbst in Deutschland Bundes-genossen zu finden, und Polen von Rußland sowie das linke Rheinufer vonDeutschland zu trennen. Allein das Wort Krieg und ein Blick auf Frankreichsinnern Zustand schreckte von jedem kühnen Schritte der revolutionnairen Staats-kunst zurück. Die geheime Macht des Privat- wie des öffentlichen Credits, derFall der Renten, der europäische Bankrutt und die Wechsclfalle eines Welt-kampfes um Principien machten allen Cabineten den Frieden zum Bcdürfniß und