Frankreich seit dem Jahre 1829 41
klart den Gang des Schicksals, das Staat und Volk in diesen endlosen Jrrsaaleiner leidenschaftlichen Erregung hineinführte, dessen Ausgang ein Abgrund ist, oderder Sieg der Charte von 1830.
Nach dem Sturze des Kaiserreichs verlangte der gesunde Theil des französi-schen Volks eine Monarchie der Freiheit in friedlichen und ehrenvollen Verhalt-nissen mit Europa. Aber schon die Anmaßung, daß Ludwig XVIII., ohne Mit-wirkung der Nation, dem Lande eine Charte gab, verletzte das Selbstgefühl derFranzosen, und der verhängnisvolle 'Art. 14 derselben zeigte später einer andernAnmaßung den Weg, den, die Charte abzuändern.*) Übrigens enthielt dieseCharte die wesentlichen Grundlagen einer Repräsentativmonarchie: einen erblichenund unverletzlichen König; verantwortliche Minister; zwei Kammern; diejährliche Votirung der Steuern; die Freiheit der Press e. Allein das Ge-setz über die Verantwortlichkeit kam nicht zu Stande, die Steuern wurden mei-stens provisorisch votirt, und die Freiheit der Presse mehrmals beschränkt; am we-nigsten wurden die Institutionen einer selbständigen Municipal- und Departe-mentalverwaltung aus der Charte entwickelt; daher entstand im Volke der Glaube:die Charte sei keine Wahrheit. Hierin lag der eigentliche Grund des parlamentari-schen und des Journalwiderstandes gegen die Regierung in Allem, was die innernAngelegenheiten Frankreichs betraf. Daß ein geheimer Bund gegen die ältereLinie des Hauses Bourbon in Frankreich schon seit 1814 bestanden und zumSturze derselben fortgewirkt, daß er anfangs für Napoleon, dann für den Herzogvon Orleans gearbeitet habe, wollen wir hier nicht behaupten, obgleich dies jetztvon vielen Liberalen offen zugegeben wird. **) Ebenso heftig und noch heftigerkämpfte jener doppelte Widerstand gegen das System, welches die Regierung inden äußern Angelegenheiten befolgte. Die wiener Congreßbeschlüsse und der Ver-lrag vom 20. Nov. 1815 hatten den Stolz der großen Nation gedemüthigt; über-dies hielt Ludwig XVIII. und Karl X. ein gewisses Misrrauen ab, Europa gegen-über eine feste und würdige Stellung einzunehmen und zu behaupten. Die Bour-boniden betrachteten nämlich das freigewordene Frankreich und die Wahlkammernicht ohne geheime Unruhe; sie sahen in dem Auslände eine Stütze ihrer Legi-timität. Nun brachte das constitutionnelle Leben an sich schon in und außerhalbder Kammern Bewegung hervor und Reibung; hier wollten überspannte Roya-listen das Rad der Zeit rückwärts treiben; dort versuchten die Bonapartisten unddie Männer der revolutionnairen Bewegung dem Rade des politischen Schicksalseinen gewaltsamen Umschwung zu geben. Jndeß wurden jene durch den 5. Sept.1816, diese durch neue Wahlordnungen (5. Febr. 1817; Wahlgesetz von 1820)von dem parlamentarischen Kampfplatz entfernt. Hierauf stellte zwar das Mini-sterium Villele (von 1821—27) die Finanzkraft des Staats wieder her; allein esunterließ, die Charte durch liberale Einrichtungen gesetzlich zu vervollständigen;dagegen verwilligte es den Ausgewanderten als Entschädigung eine Milliarde, derGeistlichkeit das Sacrilegiumsgesetz, und dem Congresse zu Verona den Krieg vonSpanien. Dies Alles reizte die öffentliche Meinung gegen das System des Hofesund der Regierung heftig auf; selbst Royalisten, zum Theil aus Haß oder Misgunstgegen Villele, kämpften um die Waffen der Freiheit. So foderte Chateaubriand die
*) Weil dieser Artikel die Katastrophe im Iul. 1830 herbeiführte und von jedemTheil in seinem Sinn ausgelegt wurde, so führen wir ihn hier wörtlich an: „llleroi kait ies rd^iemens et vilionnsnces Necessaires pour i'exdcution lies iois et iasürets de i'6tat". (Vgl. Charte, französische, von 1830.)
**) Für das Dasein dieses Vomitd directeur, dessen Umtrieben seit 1814 28 Ver-schwörungen in Frankreich gegen den verhaßten legitimen Thron zugeschrieben wer<de», erklart sich der Verf. des ,,0oup d'oeii sur ies derniers eveuemens de Paris"(zweite Ausg., Paris 1832, S. 2 — 9). Er nennt S. 13 als Mitglieder des Haupt-comitö die Generale Gerard und Pajol,