40 Frankreich seit dem Jahre 1829
war aufgehalten worden. Auf dieser zweiten Reise, so beschwerlich sie war, hatteF. nicht so viele Entbehrungen zu erdulden als auf der ersten. Nur am Ende deszweiten Jahres litten die Reisenden eine Zeitlang Mangel, da alle Thiers, außerWölfe und Füchse, südwärts gewandert waren, bis sich im März 182? ihre Lageverbesserte, und sowol die Fischerei als die Jagd frische Vorrärhe lieferte. In derletzten Hälfte desselben Jahres kehrte F. nach England zurück. Der König verliehihm die Ritterwürde, und die Universität zu Oxford machte ihn zum Doctor derRechte. Die geographische Gesellschaft zu Paris erkannte ihm ihre große goldeneDenkmünze zu. F. vereinigt Muth, Charakterstärke und Selbstbeherrschung mitMenschlichkeit und großer Uneigennützigkeit, und gewann in hohem Grade dasVertrauen und die Anhänglichkeit seiner Untergebenen in den schwierigsten Lagen.Nach seiner Rückkehr lehnte er einen vortheilhaften Antrag ab, der ihn dem briti-schen Seedienst entziehen wollte, um ihn für die Leitung des australischen Ansi'edc-lungsvereins zu gewinnen. Er ging 1830 als Capitain eines Kriegsschisses nachdem mittelländischen Meere, wo zu jener Zeit einige der politischen Fragen, welchedie Welt bewegten, ihre Entscheidung, wie es schien, zu erwarten hatten, und wogeschickte Ossiziere von erprobter Erfahrung gebraucht wurden.
Frankreich seit dem Jahre 1829. Seit mehr als 40 Jahrenringt ein hochgebildetes, geistreiches und kräftiges Volk voll 32 Millionennach Freiheit und Ordnung; mehr als einmal glaubte es sich dem Ziele nahe,aber ein feindseliges Schicksal warf es immer wieder zurück in die Wirbel einerregellosen Bewegung. Es erlangte viel, die Befreiung von den Ketten eines Feu-dal- und eines Priesterstaats; es gab sich die Form eines repräsentativen politischenLebens; es stieg empor zu Macht und Reichthum; es überstralte Europa mit demRuhm glänzender Thaten: aber im Sturme der Bewegung gelangte es nie in denHafen einer gesicherten Ruhe. Eine Form der Freiheit wechselte mit der andern,und aus der zerbrechlichen Hülle entwich das Recht, die Seele der Freiheit; dieMacht zerfiel in Trümmer; der Reichthum zerfloß in Schulden und Abgaben; vondem Ruhme behielt es nur den Stachel einer bittern Erinnerung. Endlich schwangvor Kurzem das müde Volk sich wieder auf. Durch Verstand und Kühnheit, indem Augenblick einer mächtigen Begeisterung, eroberte es in wenig Tagen die„Wahrheit" einer freien Verfassung unter dem Schirm einer „Bürgerkrone": —aber noch hat sich der alte Sturm nicht gelegt. Alles sollte auf einmal in Freiheit,Macht und Glück, nach Innen wie nach Außen, sich umgestalten; die Natur derVerhaltnisse, die Zeit selbst sollte vor dem stolzen Willen der Männer des Juliussich beugen. Vergebens warnten Vernunft und Erfahrung, Maß und Schritt zuhalten. Diese Sterne leuchteten nicht. Systeme und Leidenschaften kämpfteneigensüchtig um die Führung des Steuers, und das Land hatte weder Krieg nochFrieden; das Volk versank in trostlosen Unmuth, und der blinde Trieb nach Ver-änderung griff immer tiefer und weiter um sich in dem geängstigten und gereizten,in dem getäuschten und enttäuschten Mehrtheile der Nation; hier bedroht von demKarlismus mit der Priesterrache des Absolutismus, dort von dem Gespenst einerRepublik mit Terrorismus, Nationalbankrutt und Anarchie; hier wie dort Bür-gerkrieg und Krieg mit Europa!
War kein Pitt da, kein Pilot, der diesen Sturm beschwor? — Wie derMensch sein Schicksal macht durch seinen Charakter, so auch die Nationen. DerCharakter der Franzosen aber ist Stolz und Beweglichkeit; beide wurden durch Al-les, was die Nation bisher that und erlebte, nur gesteigert und entflammt. Kein zumHerrschen von der Natur berufener, mit sittlicher Kraft ausgerüsteter Mann tratsi'eggekrönt an die Spitze des in sich und mit sich entzweiten Volks.
Ein Blick auf die verschiedenen Richtungen des politischen Lebens in Frank-reich, seit der Restauration bis zu dem Schlachtfelde der Republikaner in Paris, er-