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Zweiter Band (1833) F bis L
Entstehung
Seite
42
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42 Frankreich seit dem Jahre 1829

Freiheit der Presse zuerst unter Richelieu, jetzt unter Villele, um die Minister anzu-greifen, deren Feind er war. Früher hatten sie Villele und Corbiere gegen Decazes undSimeon verlangt; Labourdonnaye übte sie gegen Jedermann aus. Diese Freiheitnun, für welche die Antiministeriellen von der rechten wie von der linken Seite zumTheil nur aus Oppositionsleidenschaft oder Eitelkeit kämpften, diese Freiheit, die soviel Lärm auf der Tribüne und in den Journalen machte, die ohne Billigkeit undSchonung Alles angriff, was nur von der Regierung ausging, die, wenn sie auchbelehrte, doch zugleich erbitterte und entzweite, diese Freiheit einer unbedingten undmaßlosen Opposition durchdrang das Land und gab der öffentlichen Stimme einefeindselige Richtung gegen jedes Ministerium; denn da keins weder im Sinne derLinken noch im Sinne der Rechten handelte, so war der Sturz desselben die LosungAller, welche in einer Veränderung der Stellen die Befriedigung ihres Ehrgeizesund Hasses, oder den Triumph ihrer Eigenliebe sahen. Jndeß blieb oberhalb dieserbewegten Region das Königthum selbst noch unangefochten, und Villele trotzte be-harrlich der öffentlichen Meinung. Endlich siegte die bei dem Wahlgeschäft 1827 frei-gegebene Presse, sowie eine durch die freie Presse geschaffene Mehrheit der Kammerüber den mächtigen Villele und seinsMemeüeplorallle". (S. Villele Bd. 11.)Nun glaubte die Nation an den Nutzen wie an die Macht der Presse, und er-wartete jetzt von dem Ministerium Martignac (s.d.)5. Jan. 1828 bis8. Aug. 1829 die vollständige Ausführung der Charte. Aber sie verlangte,ohne Martignac's schwierige Stellung am Hofe Karls X. zu berücksichtigen, Allesauf einmal: ein Gesetz gegen den Betrug bei den Wahlen, eine Milderung derPreßgesetze, Localfreiheit durch ein Departements- und Communalgesetz, einGesetz über die Nationalgarden, sodann Finanzreformen, Abschaffung der könig-lichen Garde, der Schweizer u. s. w. Wie ungeduldig aber auch die Presse diesAlles stolz und heftig foderte, so war doch die große Mehrheit des Landes gegendie Dynastie selbst nichts weniger als eingenommen. Allein hier trat das oben er-wähnte Vorurtheil der Bourboniden den gerechten Wünschen der Nation entgegen.Der Hof und Karls X. nächste Umgebung glaubte, gereizt durch den Ton der Op-position, mehr als je an eine Abgeneigtheit der Franzosen gegen die Dynastie;durch Bewilligungen, sagte man, wie sie Martignac's Ministerium im Interesseder Nation und des Throns wünschte, werde nur die Gefahr einer Revolutionherbeigeführt! Dadurch hielt jene ultramontane und absolutistische Partei, diedas Gewissen Karls X. beherrschte, den Monarchen ab, auf Martignac's Planeeinzugehen. *) Auch verlor das Ministerium seine feste Haltung der Congregationgegenüber, als der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Graf de la Fer-ronays, wegen Kränklichkeit austrat. Zwar ließ nun Martignac den König, umiyn und seine Dynastie in Ansehung der Gesinnung der Nation zu beruhigen, nachder liberalsten der Provinzen, nach dem Elsaß reisen, wo man ihm bei der Zuver-sicht, er werde kein Bedenken mehr haben, die wünfchenswerthe Freiheit zu gewäh-ren, aufrichtige Zuneigung bewies; allein gerade dies bewirkte das Gegentheil.Überrascht von de:-i empfangenen Huldigungen, glaubte Karl, daß Frankreich ganzund gar sein sei, daß er Alles wagen könne, daß die Nation ihn nie verlassen werde.Und in der That, er wagte Alles. Indem er mit der Kammer über das Departe-mentsgesetz nicht übereinstimmte, nahm er es trotzig zurück, und bald nachher (imAug. 1829) verabschiedete er das Ministerium Martignac, den letzten Vermittlerdes Throns der Bourboniden mit der in ihren Ideen von Verbesserung fest aus-gesprochenen Mehrheit der Wahlkammer und der Nation!

In der Sitzung der Kammern, welche der König am 27. Jan. 1829 miteiner Rede, worin er sein Vertrauen auf die öffentliche Vernunft (raison publique)

*)Uoint lle eoiieesswns!" rief Karl mit ritterlichem Eifer,j'sgis et jecesser.-ü llagir llans les iut^rels äe la religio» et lle 1a ro^aute!"