Druckschrift 
3 (1900) Letzte Gedichte Romancero
Entstehung
Seite
208
Einzelbild herunterladen
 

2l>3 Deutschland.

Da? ist der Schlußreim des alten LiedS,Das oft meine Amme gesungen —

„Sonne, du klagende Flamme!" Das hatWie Waldhornruf geklungen.

Es kommt im Lied ein Mörder vor,Der lebt' in Lust und Freude;

Man findet ihn endlich im Walde gehenktAn einer grauen Weide.

Des Mörders Todesurteil warGenagelt am Wcidenstamme;

Das haben die Rächer der Fehme gethan —„Sonne, du klagende Flamme!"

Die Sonne war Kläger, sie hatte bewirkt,Daß man den Mörder verdamme.

Ottilie hatte sterbend geschrien:

„Sonne, du klagende Flamme!"

Und denk' ich des Liedes, so denk' ich auchDer Amme, der lieben Alten,

Ich sehe wieder ihr braunes Gesicht,

Mit allen Runzeln und Falten.

Sie war geboren im Münsterland,Und wußte in großer BeengeGespenstergeschichten, grausenhaft,Und Märchen und Volksgesäugc.

Wie pochte mein Herz, wenn die alte FrauVon der Königstochter erzählte,

Die einsam auf der Heide saßUnd die gvldnen Haare strählte.

Die Gänse mußte sie hüten dortAls Gänsemagd, und trieb sieAm Abend die Gänse wieder durchs Thor,Gar traurig stehen blieb sie.

Denn angenagelt über dem ThorSah sie ein Noßhaupt ragen,

Das war der Kopf des armen Pferds,Das sie in die Fremde getragen.

Die Königstochter seufzte tief:

„O Falada, daß du hangest!"

Der Pferdekopf heruuterrief:

„O wehe, daß du gangest!"