Aus der Vorrede
znr zweiten Auflage des zweiten Bandes der „Aeisebilder"/)
Die neuen Frühlingslieder übergebe ich nm so ansprnchloser,da ich wohl weiß, daß Deutschland keinen Mangel hat an dergleichenlyrischen Gedichten. Außerdem ist es unmöglich, in dieser Gattungetwas Besseres zu geben, als schon von den alteren Meistern ge-liefert worden, namentlich von Ludwig Uhland, der die Lieder derMinne und deS Glanbens so hold und lieblich hcrvorgesungen ausden Trümmern alter Burgen und Klosterhallen. Freilich, diesesrommen und ritterlichen Tone, diese Nachklänge des Mittelalters,die noch unlängst in der Periode einer patriotischen Beschränktheitvon allen Seiten wiederhallten, verwehen seht im Lärmen der neuestenFreiheitskämpfe, im Getöse einer allgemeinen europäischen Völker-verbrüderung, und im scharfen Schmerzjubel jener modernen Lieder,die keine katholische Harmonie der Gefühle erlügen wollen und viel-mehr jakobinisch unerbittlich die Gefühle zerschneiden, der Wahrheitwegen. Es ist interessant, zu beobachten, wie die eine von den beidenLlederartcn je zuweilen von der andern die äußere Form abborgt.Noch interessanter ist es, wenn in ein und demselben Dichterherzensich beide Arten verschmelzen.
Ich weiß nicht, ob die „Erato" des Freiherrn Franz von Gandyund daS „Skizzenbuch" von Franz Kugler schon die gebührende An-erkennung gefunden; beide Büchlein, die erst jüngst erschienen, habenmich so innig angesprochen, daß ich sie in jedem Fall ganz besondersrühmen muß.
Ich würde mich vielleicht noch weitläufig über deutsche Dichteraussprechen, aber einige andere Zeitgenossen, die jetzt damit be-schäftigt sind, die Freiheit und Gleichheit in Europa zu begründen,nehmen zu sehr meine Aufmerksamkeit in Anspruch.
Paris, den 20. Juni ILZt.
Heinrich Heine.
') Die „Neuer Frühling" iiberschriebenen Lieder waren zuerst daselbst eingereiht.