Neue Gedichte.
6S
Nomunzen.
(1839—1842.)
1.
Ein Wcib.
Sie hatten sich beide so herzlich lieb,
Spitzbübin war sie, er war ein Dieb.
Wenn er Schelmenstreiche machte,
Sie warf sich aufs Bett und lachte.
Der Tag verging in Freud' und Liest,
Des Nachts lag sie an seiner Brust.
Als man ins Gefängnis ihn brachte,
Sie stand am Fenster und lachte.
Er ließ ihr sagen: „O komm zu mir,
Ich sehne mich so sehr nach dir,
Ich rufe nach dir, ich schmachte" —
Sie schüttelt' das Hauht und lachte.
Ilm sechst des Morgens ward er gehenkt,
Um sieben ward er ins Grab gesenkt;
Sie aber schon um achteTrank roten Wein und lachte.
2.
Frühlingsfcicr.
DaS ist des Frühlings traurige Lust!
Die blühenden Mädchen, die wilde Schar,
Sie stürmen dahin mit flatterndem HaarUnd Jammergeheul und entblößter Brust: —
„Adonis! Adonis!"
Es sinkt die Nacht. Bei Fackelschein,
Sie suchen hin und her im Wald,
Der augstverwirret wicderhalltVom Weinen und Lachen und Schluchzen und Schrein:„Adonis! Adonis!"
Das wunderschöne Jüngliugsbild,
Es liegt am Boden blaß und tot,
Das Blut färbt alle Blumen rot,
Und Klagclaut die Luft erfüllt: —
„AdouiS! Adonis!"
Heine 's Werke. II. Nd. 5