Druckschrift 
3 (1900) Letzte Gedichte Romancero
Entstehung
Seite
119
Einzelbild herunterladen
 

Atta Troll. 119

Leute seien freilich in der Regel sehr schlechte Musikanten, dafürjedoch seien die gnten Musikanten gewöhnlich nichts weniger, alsbrave Leute, die Bravheit aber sei in der Welt die Hauptsache, nichtdie Musik. Der leere Kopf pochte jetzt mit Fug auf sein volles Herz,und die Gesinnung war Trumpf. Ich erinnere mich eines damaligenSchriftstellers, der eS sich als ein besonderes Verdienst anrechnete, daßer nicht schreiben könne; für seinen hölzernen Stil bekam er einensilbernen Ehrenbccher.

Bei den ewigen Göttern! damals galt es die unveräußerlichenRechte des Geistes zu vertreten, zumal in der Poesie. Wie einesolche Vertretung das große Geschäft meines Lebens war, so habeich sie am allerwenigsten im vorliegenden Gedicht außer Augen ge-lassen, und sowohl Tonart als Stoff desselben war ein Protest gegendie Plebiscita der Tagestribünen. Und in der That, schon die erstenFragmente, die vom Atta Troll gedruckt wurden, erregten die Gallemeiner Charakterhelden, meiner Römer, die mich nicht bloß derlitterarischcn, sondern auch der gesellschaftlichen Reaktion, ja sogar derVerhöhnung heiligster Menschheits-Jdeen beschuldigten. Was denästhetischen Wert meines Poems betrifft, so gab ich ihn gern Preis,wie ich es auch heute noch thue; ich schrieb dasselbe zu meiner eigenenLust und Freude, in der grillenhaften Traumweise jener romantischenSchule, wo ich meine angenehmsten Jugendjahre verlebt, und zuletztden Schulmeister geprügelt habe. In dieser Beziehung ist mein Ge-dicht vielleicht verwerflich. Aber du lügst, Brutus, du lügst, Cassius,und auch du lügst, Asinius, wenn ihr behauptet, mein Spott träfejene Ideen, die eine kostbare Errungenschaft der Menschheit sindund für die ich selber so viel gestritten und gelitten habe. Nein, ebenweil dem Dichter jene Ideen in herrlichster Klarheit und Größe be-ständig vorschweben, ergreift ihn desto unwiderstehlicher die Lachlust,wenn er sieht, wie roh, plump und täppisch von der beschränkten Zeit-genossenschaft jene Ideen aufgefaßt werden können. Er scherzt danngleichsam über ihre temporelle Bärenhaut. Es giebt Spiegel, welcheso verschoben geschliffen sind, daß selbst ein Apollo sich darin als eineKarikatur abspiegeln muß und uns zum Lachen reizt. Wir lachenaber alsdann nur über das Zerrbild, nicht über den Gott.

Noch ein Wort. Bedarf es einer besonderen Verwahrung, daßdie Parodie eines Freiligrathschen Gedichtes, welche aus dem AttaTroll manchmal mutwillig hcrvorkichert und gleichsam seine komischeUnterlage bildet, keineswegs eine Mißwürdigung des Dichters be-zweckt? Ich schätze denselben hoch, zumal jetzt, und ich zähle ihn zuden bedeutendsten Dichtern, die seit der Juliusrevolution in Deutsch-land aufgetreten sind. Seine erste Gedichtesammlung kam mir sehrspät zu Gesicht, nämlich eben zur Zeit, als der Atta Troll entstand.Es mochte wohl an meiner damaligen Stimmung liegen, daß nament-