Druckschrift 
1 (1867)
Entstehung
Seite
128
Einzelbild herunterladen
 

128

der Menge. Die Stadt enthält so wenig Alterthümlichkeit, nnd ist soneu; und doch ist dieses Neue schon so alt, so welk und abgestorben-Denn sie ist, wie gesagt, nicht aus der Gesinnung der Masse, sondernEinzelner entstanden. Der große Fritz ist wohl unter diesen Wenigen derVorzüglichste; was er vorfand, war nur feste Unterlage, erst von ihn? er-hielt die Stadt ihren eigentlichen Charakter, und wäre seit seinein TodeNichts mehr daran gebaut worden, so bliebe sie ein historisches Denkmalvon dein Geiste jenes prosaisch wundersamen Helden, der die raffinierteGeschmacklosigkeit lind blühende Verstandesfreiheit, das Seichte und dasTüchtige seiner Zeit, recht deutsch-tapfer in sich ausgebildet hatte. Potsdamz. B. erscheint uns als ein solches Denkmal, durch seine öden Straßenwandern wir wie durch die hinterlassenen Schriftwerke des Philosophen vonSanssouci, es gehört zu Dessen oonvrss postbumss, und obgleich es jetztnur steinerne Makulatur ist, so betrachten wir es doch mit ernstem Inter-esse und unterdrücken hie und da eine aufsteigende Lachlust, als fürchtetenwir, plötzlich einen Schlag auf den Rücken zu bekommen, wie von demspanischen Röhrchen des alten Fritz. Solche Furcht aber befällt unsnimmermehr in Berlin, da fühlen wir, dass der alte Fritz und sein spa-nisches Röhrchen keine Macht mehr üben; denn sonst würde aus den altenaufgeklärten Fenstern der gesunden Vernunftstadt nicht so manch krankesObskuranten gesteht Heransglotzen, und so manch dummes, abergläubischesGebäude würde sich nicht unter die alten skeptisch philosophischen Hänsereingesiedclt haben."

Eben so geringe Macht, wie der Geist Friedrich's des Großen, übtein dem Berlin der zwanziger Fahre die Erinnerung an Gotthold EphraimLessing, der einst mit Mylius, Nicolai und Mendelssohn von hier ans dieBefreiung des deutschen Theaters und der gesammten deutschen Literaturaus den Fesseln französischer Einflüsse begonnen hatte. „Mich durch-schauert's, wenn ich denke: auf dieser Stelle hat vielleicht Lessing ge-standen!" rief Heine aus 22), als er zuerst unter den Linden spazieren ging;aber vergebens forschte er in der leichtlebigen Stadt nach den Spuren desernsten Mannes, welcher sich dreimal einen dauernden Aufenthalt dort zugründen suchte nnd vielleicht oftmals den großen König vorüber reiten sah,der, mit Kriegsplänen nnd Staatsreformen beschäftigt, keinen Sinn hattefür den nicht minder bedeutungsvollen Umschwung der Literatur, dessenLeiter, von ihm nngekannt, in seiner Hauptstadt lebte. Voltaire's Haus