Fünftes Kapitel.
Auf der Göttinger Universität.
Als Harry Heine im Herbst des Jahres I82V nach Göttingen kam,war die eigentliche Glanzperiode der Universität schon lange vorüber. DieGegenwart zehrte vom Ruhm einer großen Vergangenheit, aus der nurwenige bedeutende Namen in die damalige Zeit hinüber ragten; aber dieseNamen und jene glänzenden Erinnerungen sicherten der einst so gefeiertenHochschule noch immer eine namhafte Frequenz und einen achtnngswerthenRuf.
Die (Zwoi-Zin .-puAustn war in den dreißiger Jahren des vorigenJahrhunderts, wesentlich im Gegensatze zu den übrigen deutschen Univer-sitäten, gegründet worden. Letztere hatten ihre Aufgabe, Pflanzschulender neuen, durch die Reformation geweckten wissenschaftlichen Forschung»nd allgemeinen Bildung zu sein, nur zu bald ans dem Auge verloren.Überall hatte die zu spitzfindiger Scholastik ausgedörrte Theologie sich denersten Platz erkämpft und sich ein unbedingtes Anfsichtsrecht über dieandern Fakultäten angemaßt, das sie namentlich den naturwissenschaftlichenDiseiplinen gegenüber mit hochfahrender Strenge behauptete. Durchsolchen geistlichen Druck ward der freien Forschung nicht bloß auf theolo-gischem Felde, sondern auch auf allen übrigen Gebieten der Lebensnervunterbunden; die Wissenschaft erstarrte zu einem mechanischen Formalis-mus und zu todter Wortgelehrsamkeit; die akademischen Lehrkräfte dereinzelnen Hochschulen bildeten znnftmäßig abgeschlossene Korporationen, die