Druckschrift 
1 (1867)
Entstehung
Seite
107
Einzelbild herunterladen
 

107

Tassv's Tod" von Wilhelm Smets hat ihnbeim ersten unbefangenenDurchlesen so freundlich ergötzt", dass es ihmschwer ankömmt, dasselbemit der nothwendigen Kälte nach den Vorschriften und Anordnungen derdramatischen Kunst kritisch zu beurtheilen" dennoch verschwendet er andies unbedeutende Machwerk eine bogcnlange Recension, findet die zwischenNüchternheit und Schwulst umhertaumelnde Diktion des Verfassersschönund herrlich", und entschuldigt den Mangel an Einheit der Handlung unddie lyrische Verschwommenheit der Charaktere mit derEinheit des Ge-fühls" und der religiösen Schwärmerei, diemit leiser Hand den Himmels-vorhang lüftet und uns in das Reich des liberirdischen hineinlauschenlässt" ^). Auch dfx verschollenen Poeten des von Rassmann herausgege-benenRheinisch-westfälischen Musen - Almanachs" werden sehr glimpflichbehandelt, und wenn ja hin und wieder mal die Katzenkralle in einemwitzigen Tadel hervorguckt, so zieht sie sich sofort wieder ein, um den Ge-kratzten mit artigein Sammetpfötchen zu streicheln. In allen Beurthei-lungen fremder Dichterwerke verräth Heine während seines Göttinger Auf-'entHaltes und im nächstfolgenden Jahre eine auffallende Überschätzung ihrespoetischen Werthes und der Leistungsfähigkeit ihrer Verfasser. Er ver-wechselt, nach Art der Romantiker, deren Theorien zu dieser Zeit nocheinen mächtigen Einflnss auf ihn übten, die poetisch gehobene Stimmungdes Jünglingsalters mit dem dichterischen Talente, und steht oftmals fastin dem Wahne,die Poesie sei nichts Anderes, als die Sprache der Lei-denschaft". Erst später gelangt er zur Einsicht, wie irrthümlich derGlaube vieler Jünglinge sei,die sich für Dichter halten, weil ihre Jäh-rende Leidenschast, etwa das Hervorbrechen der Pubertät oder der Patrio-tismus oder der Wahnsinn selbst, einige erträgliche Verse erzengt."

Obschon Harry, nach der vorhin angezogenen Briefstelle, hauptsächlichdesOchsens" halber nach Göttingen gegangen war, scheint er doch auchdort geringen Fleiß auf feine juristischen Studien verwandt zu haben.Wenigstens führt das am 16. April 1825 an Professor Hugo gerichteteschreiben, in welchem er ein Verzeichnis der während seiner Ilniversitätsjahregehörten Vorlesungen giebt, für das Wintersemester 182021 kein ein-ziges juridisches Kolleg auf, und erwähnt nur des Besuches der Vorträgevon Benecke und Sartorius, welche Beide, zumal Letzterer, ihn ihrer be-sonderen Gunst würdigten. Deutsche Geschichte und Literatur waren alsoauch hier die Fächer, denen er mit besonderer Vorliebe treu blieb.