Druckschrift 
1 (1867)
Entstehung
Seite
86
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trachtungen zerrinnen; die Wirklichkeit verflüchtigt sich zum Traume, wäh-rend der Traum sich zur Wirklichkeit verdichtet; der Kater ist kein Kater,der Hund kein Hund, der Archivarius nebst seinen Töchtern kein wohlbe-stallter Philister mit seiner realen Descendenz, sondern Kater und Hundsind maskierte Literaturkritiker, der Archivarius aber ist eigentlich ein Sa-lamander, und seine Töchter sind drei goldgrüne Schlängleim

Man sollte meinen, dass diese gcfühlstrunkene Stimmungspoesie we-nigstens auf dem ihr naturgemäß zugewiesenen Felde der reinen LyrikBedeutendes hätte leisten müssen aber selbst Dies ist nur bei einigender spätesten Nachzügler der romantischen Richtung, bei Uhland, Chamissound Eichendorff, der Fall; bei den Früheren, wie Tieck und Novalis,verwischt die gestaltnngsohnmächtige Mystik der Behandlung jeden Hauchfühlbarer Lebeuswärme aus ihren Natur oder Glaubensinbrunst verherr-lichenden Hymnen, und nur dem Brentano gelingt hin und wieder ein frischesLied. Nicht bloß ihren religiösen Dichtungen, sondern selbst ihrer vielbe-wnndcrten Naturpoesie fehlt meistens die echte Naivetät. Wurde doch vonden Romantikern alles seither Feststehende auf den Kopf gestellt! wiehätten sie die Natur ausnahmsweise als ein Sicheres, friedlich Ruhendesbetrachten sollen, an dessen Brust das gequälte Menschenkind Trost undStärkung fände? Sie trugen ihre wilden Phantasmen auch in die Naturhinein, bevölkerten sie durch Anferweckung kindlicher Sagen wieder mitguten und bösen Dämonen, mit Feen und Berggeistern, Nixen und Ko-bolden, Wichtelmännchen und Alräunchen, und Diese kichern nun muth-willig hinter jedem Baume hervor, oder drohen aus der Felsenspalte, oderstrecken die winkende Todtenhand aus dem schwarzen See. Dadurch wurdefreilich die Natur, welche den Dichtern des achtzehnten Jahrhunderts fastansschliesilich zu langweilig deskriptiven oder theologisch-didaktischen Zweckengedient hatte, lebendig beseelt und durchgcistet; aber den fröhlichen, Waldund Flur in pantheistischer Andacht durchschweifcnden Wandersinn über-wiegt meistens ein pandämonisches Grausen. Überall liegen die gespen-stischen Repräsentanten der finsteren Mächte boshaft auf der Lauer, umdas Glück des Menschen zu trüben oder gar zu zerstören; der Menschsteht nicht mehr in der Natur als ein Theil von ihr, sondern ist wider-standslos ihrer Gewalt unterworfen, ein Spielball des Schicksals, das inihrem dunklen Schöße von Anbeginn über ihn verhängt war. Diese fata-listische Naturansicht trieb die romantische Poesie unvermeidlich der rcli-