Druckschrift 
1 (1867)
Entstehung
Seite
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Hätte die deutsche Literatur und Kunst bei ihrer Rückkehr zu antikenMustern vorherrschend diesen Gesichtspunkt im Auge behalten, so wäremancher Fehlgriff vermieden worden, der auf lange Zeit hinaus die ver-hängnisschwersten Folgen nach sich zog. Leider nur allzu früh gaben unsremodernen Klassiker den in ihren Zngendwerken imWerther", in denRäubern", inKabale und Liebe" so mnthig unternommenen Versuchauf, der sie umgebenden Wirklichkeit fest ins Auge zu blicken, den Fingertheilnahmvoll in die Wundenmale der Zeit zu legen, und durch künstlerischeBewältigung der Gegenwart dieser den Spiegel der Selbsterkenntnis vor-zuhalten. Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, dass in diesen Wortennur eine Klage, keine Anklage, liegen soll. Die Zeit selber war ja zutraurig und trübe, als dass sie unseren Dichtern auf die Dauer einen wür-digen Stoff hätte darbieten können: dem politischen Leben fehlten die großenCharaktere und erhebenden nationalen Ziele, das gesellschaftliche Leben kranktean schönseliger Verweichlichung und Empfindelei; herbstlich fahl und welksiel Blatt um Blatt vom deutschen Eichbaumc zu Boden, und der entlaubteStamm trieb noch keine neuen Frühlingskeime hervor; ringsumher Moder

und Verwesung da mochten wohl Schiller und Goethe eher Dank

als Tadel verdienen, wenn sie das ihnen anvertraute Kleinod der deutschenPoesie für bessere Tage auf die reinen Äthcrhöhen des Olymps rettetenund sich bei den Göttern Griechenlands zu Gaste luden . . .

Komm her, wir sehen uns zu Tisch!

Wen sollte solche Narrheit rühren?

Die Welt geht auseinander wie ein fauler Fisch,

Wir wollen sie nicht balsamieren!

Das unermessliche Verdienst unserer klassischen Dichter liegt in demUnistande, dass sie in einer staatlich unfreien, politisch trägen und gesell-schaftlich ungesunden Zeit den Sinn für innere Freiheit des Daseins nähr-ten, einem in stumpfe Gleichgültigkeit versunkenen Geschlechte das Evan-gelium der Schönheit predigten und das Ideal der Humanität vor Augenhielten, einer Nation, die durch das Unglück von Zahrhunderten zerrissenund zerschnitten war, in einer großartigen Literatur das erste Band gemein-samen Zusammenhangs schenkten, und den Grund ebneten, auf dem einnationaler Zukunftsbau sich dereinst erheben kann. Das Bedenkliche aberlag darin, dass jene Männer, indem sie die griechische Kunst als Vorbildihres eigenen Schaffens nahmen, zuletzt nicht mehr, gleich dieser, im Leben